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Beispielhafte Initiative: Parents Circle

Laudatio von Luise Scherf

Einer der Leitsätze von Parents Circle-Families Forum heißt „Wir können über Versöhnung sprechen“. Dieser Satz hat es in sich, er ist in mehrfacher Hinsicht etwas ganz besonderes und kostbares und ich möchte Ihnen das mit Hilfe eines ganz einfachen Tricks vor Augen führen. Der Trick besteht darin, dass ich viermal je eines der im Satz vorkommenden Wörter besonders betone und dabei vier verschiedene inhaltliche Aspekte dieses einen Satzes mit Ihnen zusammen betrachte.

1. WIR können über Versöhnung sprechen.
Der Akzent auf dem „Wir“ hat leider seine Berechtigung. Er impliziert, dass offenbar nicht alle das können, was Mitglieder des "Parents Circle", also des Elternkreises tun. Es gibt zwar einige Initiativen und Personen auf beiden Seiten, die sich auf unterschiedliche Art und Weise um ein Näherkommen, um eine Annäherung bemühen. Zwei solcher mutigen Frauen – Sumayah Farad Naser und Gila Svirsky – haben für Ihre Arbeit in diesem Jahr den Solidaritätspreis des Bremer Senats erhalten.
Aber alle Friedens-Initiativen bilden doch nur eine verschwindend kleine Minderheit in ihrer jeweiligen Bevölkerung. Sie werden angefeindet und bedroht, und sowohl von jüdischer wie auch von arabischer Seite werden ihnen Verrat und Kollaboration mit der "feindlichen" Seite vorgeworfen. Das Wort "Wir" umschließt vor diesem Hintergrund eine Gruppe von sehr mutigen Menschen. Durch die eigene, leidvolle Erfahrung sind sie zu dem Entschluss gekommen, den Weg der Gewalt zu verlassen. Sie bleiben dabei, halten das Unverständnis ihrer Umwelt aus, und setzen ihr zahlenmäßig kleines "Wir" gegen die Menge der Andersdenkenden.

2. Wir KÖNNEN über Versöhnung sprechen –
will sagen: es ist nicht unmöglich, das zu tun, obwohl nicht nur einzelne Menschen und Gruppen, sondern vor allem auch die veröffentlichte Meinung das behaupten.
In den israelischen Medien wird – bis auf eine mir bekannte Ausnahme: die Tageszeitung "Haaretz" – überwiegend die Konfrontationslinie der Regierung Sharon verbreitet, begründet und verteidigt. Auf der palästinensischen Seite, wo von einer freien Presse ohnehin kaum die Rede sein kann, wird fast ausschließlich von Rache an den Juden geschrieben und gesprochen, und der Hass wird geradezu angestachelt. Auch bei uns hier wird viel zu häufig nach dem ungeschriebenen Pressegesetz  verfahren „Nur schlechte Nachrichten sind wirkliche Nachrichten“, und gerade in diesen Tagen erscheint zum Thema des Nahost-Konflikte ein umfangreicher Sonderdruck des SPIEGEL mit dem Titel "Im Hass vereint".
Wir erfahren sehr wenig, viel zu wenig über die Menschen, die trotz alledem sagen "wir KÖNNEN miteinander reden, wir KÖNNEN versuchen, den Hass zu überwinden". Zu diesen Menschen gehören die, die wir heute ehren, und ich wünsche mir, dass das Presse-Echo hierauf riesengroß ist – aber vermutlich fällt das in die Kategorie "frommer Wunsch".
Ich stelle mir vor, wie die Leute vom Elternkreis und Familien-Forum bei jedem neuen Selbstmord- Attentat und Bombardement in Gefahr sind, sich mutlos und enttäuscht zurückziehen, wie sie sich gegenseitig stützen und weitermachen bei dem öffentlichen Aufruf, aus der Sackgasse der Gewalt herauszukommen, und ich staune über die schier unglaubliche Kraft, die hinter dem "Wir KÖNNEN" steht.

3. Wir können über VERSÖHNUNG sprechen.
Diejenigen, die im Elternkreis und Familienforum zusammen arbeiten, haben sich die Versöhnung und letztendlich den Frieden zwischen den verfeindeten Lagern zum Ziel gesetzt. Dabei wird durch ihre Vorgehensweise deutlich, dass hier bereits der Weg zum Ziel gehört. Der erste Schritt auf dem Wege ist sicher oft der Griff zum Telefonhörer. Seit mehr als einem Jahr gibt es die Gratis-Telefon-Nummer, über die palästinensische oder jüdisch-israelische Teilnehmer, die ein Familienmitglied durch die Gewalt verloren haben, mit der jeweils anderen Seite in Kontakt kommen können. Tausende solcher Anrufe haben mittlerweile stattgefunden – wirklich Tausende! Die Anruferinnen und Anrufer haben von ihrem Kummer und ihrer Trauer erzählt – und dem jeweiligen Gegenüber zugehört, das die gleich, schwere Last mit sich schleppte. Sie alle haben die Telefon-Nummer nicht gewählt, um Hass, Angst und Rache zu vergrößern, sondern weil sie die alten Wege verlassen und zur Versöhnung kommen wollen.
Es ist ihnen dabei bewusst, dass Versöhnung und Frieden nicht wie ein Geschenk vom Himmel fallen, sondern dass sie ihren Preis haben und beide Seiten sehr schmerzliche Zugeständnisse machen müssen. Trotzdem und nach allem, was jeder und jede Einzelne durchlitten hat, heißt die Botschaft "Besser der Schmerz des Friedens als das Leiden durch den Krieg". Schwer ist der Weg zur Versöhnung, das erleben alle Beteiligten täglich, und die Ehrung, die ihnen heute zuteil wird, ist ein klares Zeichen der Anerkennung für diese große und schwere Arbeit.

4. Wir können über Versöhnung SPRECHEN.
Die Menschen des Elternkreises und Familien-Forums sind Trauernde. Jeder von ihnen hat ein Familienmitglied verloren – Sohn oder Tochter, Mutter oder Vater, Bruder oder Schwester, Ehefrau oder Ehemann. Hinter dieser Aufzählung steht in jedem einzelnen Fall das Entsetzen und der Schmerz über den unwiederbringlichen Verlust eines geliebten Menschen. Eine Redewendung bei uns sagt, dass jemand "stumm vor Schmerz" sein kann, und eine solche Reaktion scheint mir durchaus verständlich.
Hier aber sind Menschen, die nicht in ihrer Trauer erstarren, sich nicht von der Welt abwenden, sich schon gar nicht vom Bedürfnis nach Rache beherrschen lasse, sondern in ihrer Trauer an Andere denken, denen das, was sie selbst durchleiden, vielleicht noch bevorsteht. Sie sind erfüllt von dem Wunsch, dies Schicksal anderen zu ersparen, und daraus schöpfen sie die Kraft, von ihrem Leid zu sprechen, es auszusprechen – und den Leidensgefährten von der anderen Seite zuzuhören.

Die Menschen, die im Elternkreis-Familienforum zusammen arbeiten, stammen wohl überwiegend aus den Traditionen des Judentums und des Islam. Ich denke, dass sowohl in der Thora als auch i m Koran eine ähnliche Geschichte überliefert ist wie die, an die ich zum Schluss erinnern möchte. Mit fällt angesichts der menschlichen Größe, die hinter der Arbeit des Elternkreis-Familienforums steht, eine Geschichte aus meiner eigenen, der christlichen Tradition ein: Jesus sagt, wenn jemand dich auf die Wange schlägt, schlag nicht zurück, sondern halte ihm auch die andere Wange hin. Die Geschichte geht mir oft durch den Kopf – wie vieles aus der Bibel, bei dem nicht von der Realität, sondern dem Ziel unseres Handels die Rede Ist.
Das ist sicher das Schwerste: die eigene Verletzung, das eigene Leid hintan zu stellen und sich dem gegenüber friedfertig zuzuwenden. Zu dieser Haltung haben die heute Geerten hingefunden. Wir wollen ihnen dafür von Herzen danken und ihnen zum Preis gratulieren.