Die unbekannte Friedensarbeiterin: Sr. Weronika Sakowska

Laudatio von Dirk Heinrichs
Verehrte, liebe Schwester Weronika! Lassen Sie mich Ihnen vor allen anderen Worten im Namen der Stiftung die schwelle herzlich danken, dass Sie die weite, mühsame Reise aus Zentralafrika auf sich genommen haben. Uns allen, die sich heute zu Ihrer und der anderen Preisträger Ehrung versammelt haben, schenken Sie die Freude Ihrer Anwesenheit. Die „weite Reise" aus dem fernen Kongo und Ruanda möchte ich nicht nur geographisch verstehen. Wenn ich den Bericht Ihres jahrzehntelangen segensreichen Wirkens, auch in von Bandenkriegen und Völkermord verwüsteten Stammesgebieten, erinnere, in denen Sie mit der Kraft Ihres Glaubens ausgehalten und Hilfe geschaffen haben einer wohl unzählbaren Menge von Kindern und anderen Bedürftigen, die in ihrer Not und Angst um ihr Leben zu retten waren, – wenn ich mit Staunen davon gelesen habe, dann will es mir scheinen, dass Sie über ein weites Meer unbeschreiblichen Elends gegangen sind. Und dass Sie ein Beispiel sind für die geheimnisvolle Wahrheit eines Gebetswortes des heiligen Augustinus: „Niemand kann das Meer dieser Welt überschreiten, wenn er nicht vom Kreuz Christi getragen ist."
Sie werden sich vielleicht einmal gefragt haben: Wie kommt es, dass mir, auch stellvertretend für meine Schwesterngruppe, dieser Preis zufällt, wo wir doch in Deutschland – sieht man vom Ordensstützpunkt der Pallotiner ab – eigentlich unbekannt geblieben sind. Gerade deshalb sind Sie in unser Blickfeld geraten! Es geht uns um die Unbekannten der Friedensarbeit! Hier erinnere ich stellvertretend für viele Andere, die uns während des letzten Balkankrieges dort begegneten und auffielen, und deren Namen ich jetzt nicht nennen möchte, wohl aber den Namen der Schwester Vesna, einer „Kleinen Schwester Jesu“ aus Ada (an der Drau), ein Engel praktischer, warmherziger Liebe während dreier Jahre in dem bosnischen Flüchtlingslager Gasinci. In ihm wurden 5000 und mehr Menschen in Hütten, Containern und Zeiten versorgt.
Sie, Schwester Weronika, haben 1994 während des Genozids in der Nähe von Rutshuru, an der Grenze zu Ruanda in einem Lager von 80‑100 000 Menschen sich mit ein oder zwei Mitschwestern um die unbegleiteten Kinder gekümmert. Sie haben ein Gesundheits‑ und Ernährungszentrum aufgebaut, das den Namen „Matumaini“, d.h. Hoffnung trägt! Nach Auflösung dieses Flüchtlingslagers durch den Rebellenführer Kabila haben Sie Ihr Zentrum als einzige Anlaufstelle durchgehalten für die vor den Rebellen flüchtenden Menschen, obwohl Ihr Zentrum im April 99 vollständig ausgeplündert wurde. Welchen persönlichen Gefährdungen Sie damals ausgesetzt gewesen sind, vermögen wir hier und jetzt nur schwach zu ahnen. In Ihrem Zentrum haben Sie teils mit Zelten, dann mit einem Neubau für schwerkranke Kinder eine stationäre Pflegeeinrichtung geschaffen. Darüber hinaus werden noch 300 unterernährte und weitere 500 Kinder regelmäßig ambulant betreut.
Dann nahmen Sie sich des Schulwesens im Pfarrgebiet von Rutshuru an. Die vor dem Kriege bestehenden 24 Grund‑ und weiterführenden Schulen waren geplündert, die Gebäude zerstört. In dem Pfarrgebiet gab es 2400 registrierte Vollwaisen ohne Schulbildung. Sie und Ihre Mitschwestern begannen 1999 mit einem Projekt zum Wiederaufbau der Schulen. Schon im Jahre 2000 bestanden in 22 Schulen etwa 7000 Kinder wieder ein Schuljahr.
Soweit leider nur eine kurze Skizzierung Ihrer Caritas. Es ist für uns nicht vorzustellen, wie Sie dieses Hilfswerk zustande gebracht haben. Sie haben gewiss immer mit schmerzlichen Einschränkungen und hemmender Knappheit der materiellen Mittel und der menschlichen Kräfte kämpfen müssen. Dies lässt mich eine Geschichte erzählen, die mit Ihrer polnischen Heimat zusammenhängt. Sie wird auch Ihrer Erfahrung in Afrika keineswegs fremd sein. Mit einem Freunde aus unserem Stiftungsvorstand truckten wir auf einem Lastwagen voller Versorgungsgüter während des Solidarnosc‑Aufstandes 1982 in die Gegend von Lublin. Unweit der Stadt gelangten wir zu einem Heim für geschädigte und behinderte Kinder. Als wir in den Hof eines ehemaligen Gutshauses einkurvten, entdeckte ich über der Eingangspforte eine Schrift. Sie lautet: „Res sacra pacis pauper est" – die heilige Sache des Friedens ist arm... kommt armselig daher, erweitert übersetzt. Und Sie, liebe Schwester Weronika, wie damals die Schwester Vesna in Gasinci, und auch die anderen UNBEKANNTEN der Friedensarbeit all überall, sind die Gestalten, die mit dem Wesen der Heiligen Sache des Friedens ein Leuchtzeichen anzünden. Ohne solche Leuchtzeichen setzenden Menschen versänke die Welt völlig in Düsternis.
Darum ist es für unsere Stiftung eine Freude, von Ihrem Leuchten angeregt, nicht müde zu werden. Der Preis in seiner baren Summe ist nicht groß, wir wissen das. Er entspricht beinahe dem zitierten Wort: die heilig‑armselige Sache des Friedens, die über das weite Meer der Welt und ihres Elends getragen werden muss, hat äußerlich gesehen wenig anzubieten. Aber das Wenige, das du tust, – sagte Albert Schweizer, der auch nach Afrika auszog und Leuchtzeichen seines Glaubens in die Nachfolge des gewaltfreien Christus anzündete: „Das Wenige, das du tust, ist viel." Wir sind auf der Seite der Friedensarbeit in den Augen der Realisten zwar immer auf der Verliererseite. Aber darin liegt die Aufrichtekraft des Dennoch und Trotzdem! Friedensarbeit, wie Sie, verehrte Schwester Weronika, sie vollbringen, fährt mit praktischem Zugriff den Angriff auf jene Übel, die überall in der Welt die Brutstätten des Unfriedens sind, aber immer von einzelnen Menschen erlitten werden, am meisten von den Kindern. In unserer Ankündigung der heutigen Feierstunde steht als Überschrift, als Losung: „Schwellen überschreiten – Teufelskreise durchbrechen. In Würdigung Ihres Einsatzes, Schwester Weronika, sollte hinzugesetzt sein: Nicht nur Teufelskreise durchbrechen, sondern Freiräume entdecken der Hoffnung ‑ Matumaini, um in ihnen einen Ausgleich für das Böse zu schaffen durch gutes Handeln. Und mit Hilfe von Stätten der Rettung, der leiblichen und der geistigen. Dafür haben Sie ein Vorbild, nicht zuletzt mit Ihrem Aufbauwerk der Schulen errichtet. Ihre Liebe zu Kindern ist so stark, dass sie immer wieder die Schwellen des Bösen und der Not überschreitet. So überwindet sie auch die notvollen Stunden eigener Ermüdung und Verzweiflung, ja Erniedrigung im Mitleiden für die Opfer brutaler Gewalt.
Denn wie Blaise Pascal gesagt hat: „Es gibt nicht eine Erniedrigung, die uns zum Guten unfähig macht noch eine Heiligkeit, aus der das Böse ausgeschlossen ist." Begnadet ist, wer das trägt inmitten solchen Elends wie in Ruanda oder Ostkongo, wer das aushält und seine Liebe weitergibt. Dafür sind uns Ihre Werke, verehrte Schwester Weronika, ein leuchtendes Beispiel.


