Beispielhafte Initiative: Das Interfaith Mediation Center

Laudatio von Helmut Haffner
Meine Damen und Herren, lieber Imam Muhammad Ashafa, lieber Pastor James Wuye!
Mein Vater hatte einen Lebenstraum, den er sich nie erfüllen konnte. Er wollte alle Kontinente bereisen. Abends saß er in seinem Sessel und hatte einen Atlas auf den Knien. Irgendwann stand dann ein großer Globus im Wohnzimmer. Oft rief er mich, um mir die Länder seiner Sehnsucht zu zeigen. Als ich in die Schule kam, wurde Erdkunde mein Lieblingsfach. Der Globus gehört zu meiner Kindheit so wie heute die Globalisierung zu meinem Leben gehört. Die Kontinente sind zusammengerückt. Und sie sind auch in Bremen sichtbar. Auch aus Nigeria leben Menschen mit uns. Bei der Nacht der Jugend vor zwei Wochen traten zwei Gruppen aus Nigeria auf und sie sangen gegen Antisemitismus und Rassismus, für eine offene und menschenfreundliche Stadt.
Obwohl ich Menschen aus Nigeria schon länger kenne, ist mir dieses Land, die Heimat der Preisträger, deren Laudator ich bin, so gut wie unbekannt. Wenn man das Wort Nigeria bei Google eintippt, dann kommen weit über 2 Millionen Hinweise.
Der erste ist aus dem Internet-Lexikon wikipedia. Dort steht einleitend: Nigeria... ist eine ehemalige britische Kolonie in Westafrika. Es ist mit Abstand das bevölkerungsreichste Land Afrikas und versucht sich nach Jahren der Militärdiktatur an seiner Demokratisierung und wirtschaftlichen Entwicklung... Korruption, Gewalt und ethnische Konflikte zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden sind die Haupthemmnisse, um Nigerias Bevölkerung ein besseres Leben zu ermöglichen. Menschenrechtsorganisationen berichten regelmäßig, wie bewaffnete Muslime Christen ermorden und wie umgekehrt Christen Muslime umbringen. Der Nobelpreisträger für Literatur, Wole Soyinka, sagt: die Menschen in Nigeria haben sich selbst zum Feind. Es gibt keine Ressourcen an Menschlichkeit mehr.
Wir ehren heute zwei Männer aus Kaduna in Nigeria für ihre Menschlichkeit. Beide spiegeln mit ihrer Lebensgeschichte die Tragödie dieses Landes und zugleich die Hoffnung für ein neues Nigeria, das seine Ressourcen an Menschlichkeit wiederentdeckt.
James Wuye und Muhammad Ashafa waren einst Feinde, Todfeinde. James gehörte einer militanten christlichen Miliz an, Muhammad einer ebenso gewaltbereiten muslimischen. Beide kämpften noch zu Beginn der 90er Jahre gegeneinander. Sie waren führende Aktivisten, leidenschaftlich überzeugt von der Wahrheit ihres Glaubens. Beide wollten mit ihrem Kampfeseifer Gott dienen. Die Folgen waren schwerwiegend. Engste Freunde und Verwandte wurden getötet. Muhammad verlor zwei Vettern und seinen geistlichen Mentor. James hat man mit einer Machete den Arm abgeschlagen.
Heute ehren wir James Wuye und Muhammad Ashafa als Friedenskämpfer und Aktivisten der Vergebung, als Gläubige, die das Verbindende über das Trennende stellen.
Was ermöglichte diese Umkehr? Woraus schöpfen die beiden die Kraft, gegen tiefverwurzelte Vorurteile anzugehen, den Hass zu verwandeln in Interesse für den anderen, in Respekt und Akzeptanz? Als die beiden zum ersten Mal zusammentrafen, es ging um ein staatliches Impfprogramm, konnten sie nur tiefste Abneigung füreinander empfinden. Muhammad dachte immer noch an Rache. Dann ging er am Freitag in die Moschee zum Freitagsgebet. Und dort hörte er, wie der Imam eindringlich zur Vergebung aufrief den Willen Gottes verkündete, Frieden zu stiften und der Gewalt zu entsagen. Tief beeindruckt und erschüttert verließ er die Moschee. Und als immer wieder das Bild des verhassten James vor seinen Augen auftauchte, entschloss er sich nach Tagen, den vermeintlichen „Feind“ aufzusuchen.
Vielleicht können wir Deutsche aus dieser Geschichte lernen, dass Freitagspredigten von Muslimen auch Liebespredigten sein können. 70% aller Deutschen sind überzeugt, dass die muslimische Religion und Kultur nicht nach Europa passt. Der Pastor und der Imam fanden durch ihre Religion zu einer neuen Welt- und Menschensicht. Und so konnte sich aus dem Hass Freundschaft entwickeln. Und aus der Freundschaft entstand ein wunderbares Projekt: das 1995 gegründete "Interfaith Mediation Center“.
Dieses interreligiöse Zentrum hat ein Hauptziel: Es will mit der Religion, ob christlich, muslimisch oder anders, die Menschen verändern. Es will die religiösen Grundwerte Liebe, Respekt, Fürsorge, Vergebung und Verantwortung ins Bewusstsein heben. Es will mithelfen, der alltäglichen Gewalt ein Ende zu setzen. Dazu bringt es vor allem junge Christen und Muslime ins Gespräch. Durch Begegnung wird die Grundlage für Verständigung geschaffen.
Die Initiativen und Aktivitäten des Zentrums in den vergangenen 10 Jahren sind vielfältig und erfolgreich. Es gibt unzählige Workshops und Kurse zu Gewaltfreiheit, zu Anerkennung und Akzeptanz des Anderen. Geistliche machen Trainings mit gewaltbereiten Gruppen. Mit der Polizei wird geübt, wie man Konflikte deeskalieren kann.
Die Seminare gibt es in Dörfern und Städten, in Schulen und Universitäten, gearbeitet wird mit den unterschiedlichsten Gruppen, mit Extremisten und Separatisten, mit den Angehörigen der Opfer und vor allem auch mit Frauen. Inzwischen haben die beiden auch ein eigenes Radio- und Fernsehprogramm, um noch mehr Menschen zu erreichen. Sie haben auch ein Buch geschrieben: „Der Pastor und der Imam“, in dem sie ihren Werdegang darlegen und ihre Arbeit erklären.
Wurzel und Motor ihres neuen Verhaltens sehen James und Muhammad in ihrem Glauben. Sie sind überzeugt, dass der Glaube das kraftvollste und zugleich einfühlsamste Instrument ist, um die Gesellschaft im menschenfreundlichen Sinne zu verwandeln. Sie wissen: Das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen ergibt sich nicht von selbst. Die Wertschätzung des Anderen, die Anerkennung des Fremden, solche Haltungen sind den Menschen nicht angeboren. Deshalb ist ihnen die Religion, ob jüdisch, christlich oder muslimisch, so wichtig, weil sie lehrt, dass alle Menschen Söhne und Töchter des einen Gottes sind. Pastor Wuye hat erzählt, wie skeptisch er selbst zunächst war, mit dem Imam zusammen zu arbeiten. Kollegen warnten ihn: Mach bloß nichts mit Ungläubigen. Vertraue ihnen nicht. Wenn ihr zusammen essen müsst, benutze einen langen Löffel.
Erlauben sie mir, Ihnen zum Schluss eine Geschichte aus der jüdischen Tradition zu erzählen: Die Geschichte von den langen Löffeln:
Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dem auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Um den großen Tisch saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften aus dem Topf. Aber die Leute sahen blass, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Denn die Löffel waren so lang, dass sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten. Als die beiden Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Und Gott sagte: „Das ist die Hölle.“
Darauf wurde der Rabbi in einen zweiten Raum geführt, der genauso aussah wie der erste. In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen. Leute saßen um den großen Tisch mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht, sich selbst zu nähren, sondern benutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel.
Ich glaube, unsere beiden Preisträger, Pastor James Wuye und Imam Muhammad Ashafi, haben selbst gelernt und bringen anderen bei, mit langen Löffeln so zu essen, dass alle satt und zufrieden werden. Möge ihr Beispiel Schule machen. Sie sind wunderbare Menschen und würdige Preisträger. Wir danken Ihnen von ganzem Herzen.


