Die unbekannten Friedensarbeiterinnen: Roswitha Jarman und Barbara Gladysch

- Barbara Gladysch

- Roswitha Jarman
Laudatio von Wiebke Jung und Heike Mahlke
Liebe Roswitha Jarman, liebe Barbara Gladysch, liebe Anwesende!
Aus den vielen ermutigenden Bewerbungen, haben wir in der Kategorie „unbekannte Friedensarbeiterin / unbekannter Friedensarbeiter“ Sie beide und mit Euch noch viele Frauen vor Ort, die ihr in der Arbeit mit den Kindern begleitet, ausgewählt. Wir haben gerade Euch auch deshalb ausgesucht, weil Ihr den Mut habt, wieder und wieder die Schwelle eines besonders dunklen Fleckens auf unserer europäischen Landkarte zu überschreiten.
Von Licht und Ermutigung wollen wir mit Preisverleihung und Broschüre erzählen, aber das geht eben nur, indem wir zuerst das Dunkel anschauen, genau hinschauen.
Kaum jemand will noch nach Tschetschenien und Inguschetien sehen. Spitzenpolitiker machen die Augen zu, weil Putin ein interessanter Wirtschaftspartner ist und die tschetschenische Wirklichkeit erfolgreich übermalt wurde von vereinfachten Feindbildern der „Terroristen“, „Banditen“ und „Schwarzen“ und dem schrecklichen Bild der Selbstmordattentäterinnen von Beslan. So ist in unseren Köpfen nach 11 Jahren Krieg aus einem der schönsten Gebiete der Erde, berühmt für seine Gastfreundschaft, nur ein dunkler Hort der Gewalt geworden. Fast niemand will hinschauen – und wenn, ist Einblick schwer möglich. Wenige mahnen, kaum jemand reist noch über Schwellen und Militärposten wie Ihr beide. Ihr aber tut es und erinnert leise, aber nachhaltig daran, dass die Mehrheit auch dieses Volkes sich nach Frieden sehnt, dass sie sich wünschen und brauchen, was alle Menschen zum Leben brauchen und dass sie in ihren zerstörten Wohnungen mit schrecklichen Bildern leben, immer in Angst vor Übergriffen der Geheimdienste des Militärs oder der Rebellen, die heute von Kriminellen kaum noch zu unterscheiden sind.
Viel kann ich hier nicht sagen über die Gewalt, die dies kleine Land – so groß wie Thüringen – durchtränkt hat, Ursachen und Hintergründe nicht aufzeigen. Aber das Dunkel soll benannt sein, in das Ihr geht und in das wir ungern schauen. Unser Hinschauen ist Voraussetzung dafür, die Zeichen der Hoffnung und die Lichtpunkte zu erkennen, die Ihr setzt, und Voraussetzung, daran teilzuhaben.
Wir brauchen Menschen wie Dich, Roswitha Jarman, auch hier! Bremen kennst Du unter anderem von der kleinen ökumenischen Weltversammlung, wo Du auf Deine ganz eigene Art – wie auch in Deinen Seminaren – Mut machtest zur Friedensarbeit. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Es wird so einfach, sich solche Arbeit zuzutrauen, wenn Du sie lehrst! Auch da setzt Du Hoffnungszeichen ins Dunkel der Resignation.
Liebe Barbara Gladysch, mit Ihnen begrüße ich herzlich Ihren Mann, der Sie heute begleitet. Auch bei Ihnen werden heute viele Menschen in Gedanken dabei sein: die „Mütter für den Frieden“, die Sie für den Bremer Friedenspreis vorgeschlagen haben, die Therapeutinnen, die Sie in ihrer Arbeit in Tschetschenien und in den Flüchtlingslagern von Inguschetien begleiten und die Kinder von den „Kleinen Sternen“.
Sie haben 1997 zusammen mit Chris Hunter, einem englischen Freund und mit Therapeutinnen aus Tschetschenien das Rehabilitationszentrum für traumatisierte Kinder in Grosny ins Leben gerufen und es „Kleiner Stern“ genannt, mitten in einer Stadt, die im 1. Tschetschenienkrieg zur Unbewohnbarkeit zerbombt worden war, wo die Angst regierte und Brutalität an der Tagesordnung war.
Der „Kleine Stern“ gab Licht und Geborgenheit. Er war Wegweiser und wurde zum zuverlässigen Freund für viele Kinder in Grosny. Als Ende 1999 zum 2. Mal Bomben auf die Ruinenstadt fielen, wurde auch das Zentrum zerstört. Aber Sterne kann man nicht verschwinden lassen auf unserer Erde. Sie waren schon immer Träger von Verheißungen. Sie wandern mit wie der Stern von Bethlehem. Und so auch der „Kleine Stern“ von Grosny. Als 400.000 Menschen aus Tschetschenien nach Inguschetien flüchteten, sind in den großen Flüchtlingslagern auch „Kleine-Sterne-Zelte“ errichtet worden, Treffpunkte für die Kinder. Seit 2003 werden die Menschen gezwungen, aus den Flüchtlingslagern in Inguschetien wieder nach Tschetschenien zurückzukehren, wo Angst, Hunger und Kälte das alltägliche Leben ausmachen. Und so gibt es auch wieder in Grosny „Kleine Sternpunkte“, mittlerweile über 25: liebevoll eingerichtete, kleine provisorisch wieder hergestellte Räume in Ruinen, in denen die Kinder Zuwendung erfahren.
Die „Kleinen Sterne“ leuchten gegen die lähmende Angst, die die Kinder schon als Ungeborene erfahren haben in der Angst ihrer Mütter und Väter. Die Angst ist für sie fühlbar täglich – vor allem nachts. Sie haben erlebt: Die Kinder sehen alles, hören alles, wissen alles. So ist es gut, dass die Kinder Orte haben, wo sie Kinder sein dürfen, spielen, lachen, einfach da sein können. Als Grund, dass Sie regelmäßig nach Tschetschenien und Inguschetien reisen, haben sie einmal gesagt: „Die kleinen Sterne müssen ab und zu aufgeladen werden“. Und das verstehen Sie als Ihre Aufgabe: Mut machen, Unterstützung geben, da sein, die Menschen, vor allem die Therapeutinnen und die Kinder, nicht alleine lassen. Sicherlich werden Sie öfter gefragt, wo Sie die Kraft und den Mut her nehmen für Ihre Reisen, die doch mit vielen Gefahren und Risiken verbunden sind. Ich möchte Sie da selber zu Worte kommen lassen: „Ich fühle mich angenommen, sehr geborgen. Ich habe Verantwortung. Ich möchte schon Handwerk sein für ihn und ich möchte ihn; Gott, nicht oben oder unten oder rechts oder links sehen, sondern ich finde ihn – ich brauche ihn gar nicht zu suchen – ich finde ihn im Nächsten. Ich finde ihn in den Kindern unendlich groß und wunderschön“.
Der Krieg in Tschetschenien ereignet sich tagtäglich, auch wenn die Regierenden das Gegenteil behaupten, und das Leid der Menschen, vor allem auch der Kinder ist unermesslich groß. Wir wünschen Ihnen, den Therapeutinnen und den Kindern, dass die „Kleinen Sterne“ weiterhin in die Dunkelheit hinein leuchten und Licht und Zuversicht schenken. Wir danken Ihnen.


