Beispielhafte Initiative: Conciudadanía

Laudatio von Beate Neuhaus
Conciudadanía. Dieser Name bedeutet in etwa Mitbürgerschaft – und das umreißt schon das Programm aber auch die ganze Komplexität der Arbeit von Conciudadanía. Denn in Kolumbien ist es keineswegs selbstverständlich, dass die Menschen sich als Mitbürger respektieren, dass sie ihre Rechte wahrnehmen und politisch mitwirken. In weiten Bereichen - nicht nur in den Konfliktzonen des jahrzehntelangen Bürgerkriegs - bestimmt Gewalt die Beziehungen. Es ist ein Teufelskreis, in dem Gewalt immer wieder neue Gewalt hervorbringt.
Diesen Teufelskreis zu durchbrechen haben die Gründerinnen und Gründer von Conciudadanía sich zur Aufgabe gemacht. Ihr Motto: Para que los derechos sean hechos - Damit Rechte zu Tatensachen werden. Seit 16 Jahren arbeiten sie von Medellin aus, der Provinzhauptstadt Anitoquias, für eine Kultur des Frieden, vor allem im ländlichen Umland, das von den bewaffneten Auseinandersetzungen besonders heimgesucht wurde.
Heute sind hier Alonso Cardona, der Direktor von Conciudadanía, und Gloria Alzate, die Leiterin der Abteilung für Versöhnung.
Kultur des Friedens - wieder ein ganzes Konzept: bedeutet es doch zu vermitteln, dass Frieden nicht nur eine Angelegenheit von Verhandlungen zwischen bewaffneten Gruppen ist, sondern auf allen Ebenen des Zusammenlebens entstehen muss, ja gelernt werden und aktiv gelebt werden muss - im öffentlichen Raum und im privaten Umfeld. Unermüdlich fördert Conciudadania deshalb in der Zivilbevölkerung die Kompetenz, ein gewaltfreies und demokratisches Zusammenleben aufzubauen. Diese Kompetenz bedeutet zunächst einmal zu wissen, welches die eigene Rechte sind, die Rechte der Nachbarn, die Rechte der Gemeinde,abar auch diese Rechte dann gemeinsam einzufordern und durchzusetzen. Diese Kompetenz bedeutet aber auch, wahrzunehmen, dass Grundrechte genauso in den eigenen Familien gelten, denn allzuoft herrscht hier die Macht des Stärkeren, so dass Gewalt von Kindesbeinen an erfahren und weitergegeben wird. Und auch hier gilt es Alternativen zu finden.
Für diese verschiedenen Handlungsebenen hat Conciudadanía im Laufe der 16 Jahre einen komplexen Ansatz entwickelt. Eine Vielzahl von Herangehensweisen greifen dabei ineinander. Die Beraterinnen und Berater von Conciudadanía arbeiten in 40 Gemeinden mit Frauen- und Jugendgruppen zusammen, mit Gemeinde- und Nachbarschaftskomitees, mit sozialen Einrichtungen und Schulen und mit den gewählten Vertretern der Bürgerschaft. In Workshops und Beratungsgesprächen werden Grundlagen der politischen Teilnahme vermittelt:
- wie können die sozialen Probleme vor Ort überhaupt erfasst und öffentlich festgestellt?
- wie kann das Recht auf Versorgung und Rehabilitation der zahllosen Bürgerkriegsflüchtlinge durchgesetzt werden?
- wie können Projekte der Gewaltprävention für Jugendliche organisiert werden?
- Oder wie kann öffentlich über die Demobilisierung der bewaffneten Gruppen beraten werden und über die Reintegration der meist jugendlichen Kämpfer?
- Aber auch: Wie können sich die lokalen Gruppen in autonomen Bürgerversammlungen vernetzen und auf regionaler Ebene handlungsfähig werden.
Integraler Bestandteil sind die Methoden der gewaltfreien Konfliktlösung, denn natürlich führen all diese Aktivitäten immer wieder zu bedrohlichen Situationen, die es zu bewältigen gilt. Eine wirklich innovative Methode von Conciudadanía sind die „círculos de convivencia" - Gesprächsrunden fürs Zusammenleben. Menschen werden dabei für die Mechanismen der Gewalt im persönlichen Alltag sensibilisiert. Sie richten sich im geschützten Raum einer kleinen Gruppe an jeden Einzelnen. Dort wird jedes Mal zunächst ein Grundrecht oder ein Menschenrecht besprochen und dann darüber nachgedacht, wie jeder persönlich diese Rechte im Umgang mit seinen Kindern, der Familie oder den Nachbarn möglicherweise selbst verletzt hat und welche Alternativen des Verhaltens denkbar wären. Die „circulos“ wurden mittlerweile vielfach kopiert und sogar in den öffentlichen Schulen der Region eingeführt.
In all diese Prozesse werden besonders und gezielt junge Menschen einbezogen. Denn sie sind es, aus denen sich der Teufelskreis der Gewaltkultur immer wieder erneuert, sie sind es, die sich - freiwillig oder gezwungen - bewaffneten Gruppen und Drogenbanden anschließen. Doch die jungen Menschen sind es auch, die eine gewaltfreie Zukunft aufbauen wollen.
Seit 2002 arbeitet Conciudadanía auch direkt mit den Opfern des Bürgerkriegs. Meistens sind es Bauern aus abgelegenen Dörfern, die in die kleinen Städte geflüchtet sind und oft sind sie schwer traumatisiert. Sie werden ermutigt, sich in die demokratischen Prozesse zu integrieren und z. B. an Bürgerversammlungen teilzunehmen und auch ihre gesetzlichen Rechte auf Betreuung, Wahrheitsfindung, Rechtsprechung und Wiedergutmachung einzufordern. Gleichzeitig geht es um Unterstützung bei der psychischen Verarbeitung der erlittenen Erfahrung - und um Versöhnung. Für diese Arbeit hat Conciudadanía 65 psychosoziale Beraterinnen ausgebildet. Inzwischen haben sich dadurch auch in vielen Gemeinden Versöhnungskomitees gebildet.
Eine weitere und besonders schwierige Aufgabe der Friedensarbeit erwuchs aus der Demobilisierung der Paramilitärs, ein Regierungsprogramm seit 2003. Denn einerseits ist der ganze Prozess höchst fragwürdig, weil kaum vorgesehen ist, ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit juristisch zu ahnden und auch die Abgabe ihrer Waffen nicht wirklich kontrolliert wird.
Andererseits kehren diese Kämpfer nun einfach zu ihren Familien zurück, ohne dass in den Gemeinden ein wirksames Programm zu ihrer Reintegration vorbereitet wäre – eine immense Gefahr von neuer Gewalt. Meistens sind es junge Männer und Frauen, die nichts anderes als Gewalt gelernt haben. Auch sie müssen zur Teilnahme an den zivilen, demokratischen Prozessen motiviert werden und lernen, dass man Konflikte auch gewaltlos lösen kann. Auch ihre Gewalterfahrungen gilt es aufzuarbeiten – eine unglaublich schwierige Aufgabe, der sich Conciudadanía gestellt hat.
Und immer wieder erweitern die Mitarbeiter von Conciudadanía ihre Ansätze und Methoden und begeben sich selbst in Lernprozesse, denn es gibt ja kein fertiges Rezept, wie die Vision eines gewaltlosen Zusammenlebens zu erreichen wäre. Friedensarbeit hat den Protagonisten des „bewaffneten Konflikts“ schon immer missfallen. In den schlimmsten Jahren des Bürgerkriegs haben deshalb fast alle sozialen Organisationen die ländlichen Regionen Antioquias verlassen. Doch die Frauen und Männer von Conciudadanía sind geblieben. Mit Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen und großem persönlichem Mut haben sie über viele Jahre allen Widrigkeiten und Bedrohungen getrotzt und sich damit ein hohes Ansehen erworben.
Ihnen ist es zu verdanken, dass sich ein Netz von aktiven Bürgern bilden konnte, die sich in den Gemeinden Antioquias für Demokratie und Frieden einsetzen mit dem Horizont einer Versöhnung und einer grundlegenden Transformation der Konflikte.


