Öffentliches Wirken: Shreen Abdul Saroor
Laudatio von Thomas Seibert

Liebe Shreen Saroor, sehr geehrte Frau Naseema Saroor, sehr geehrte Damen und Herren,
in Anerkennung ihres öffentlichen Wirkens für Frieden und Gerechtigkeit wird Shreen Abdul Saroor heute mit dem Bremer Friedenspreis der Stiftung die schwelle geehrt – eine Entscheidung, über die ich mich persönlich sehr freue und für die ich mich zugleich nicht nur im eigenen Namen bedanke. Tatsächlich spreche ich diesen Dank im Namen vieler Menschen hier in Deutschland und im Namen von noch mehr Menschen in Sri Lanka aus. Ich tue das nicht nur, weil mit dieser Auszeichnung der Mut und der unermüdliche Einsatz von Shreen Saroor anerkannt werden. Ich bedanke mich auch deshalb, weil die Verleihung des Bremer Friedenspreises an eine Menschenrechtsaktivistin aus Sri Lanka eine Gelegenheit ist, das Schicksal der Menschen dieses Landes öffentlich zu machen, das Schicksal vor allem der Menschen, die im Norden der Insel leben und tamilisch sprechen.
In Sri Lanka fand und findet noch immer einer der blutigsten, einer der gewaltsamsten Konflikte dieser Welt statt, und dieser Konflikt fand und findet nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Was wissen wir von Sri Lanka? Wir kennen das Land noch unter seinem Kolonialnamen Ceylon; wir wissen, dass es ein außerordentlich preisgünstiges Urlaubsland ist, das tropische Sonne und wunderschöne Strände zu bieten hat, vorzügliches Essen, heilsam-erholsame Ayurvedakuren und außerordentlich freundliche Menschen. Es fällt uns nicht wirklich auf, dass die Orte, an denen Sri Lanka-Urlaube verbracht werden, sämtlich im Süden des Landes liegen, dem Teil des Landes, in dem singhalesisch gesprochen wird: man kennt die Küsten- und Urlaubsorte Galle und Hambantota, man kennt oberhalb Colombo immerhin noch Kandy, die alte Königsstadt, und manche kennen im Norden vielleicht Anuradhapura, das 100 Jahre nach Christus die neuntgrößte Stadt der Welt und über 1000 Jahre lang das religiöse und politische Zentrum Sri Lankas war.
Was aber weiß man sonst noch? Ja, irgendwie wissen wir, dass es in Sri Lanka einen Bürgerkrieg gab oder gibt, einen Krieg irgendwie der Art, wie es ihn auch in Kolumbien und Somalia und an vielen anderen Orten der Welt gibt. Wir wissen, dass wir unmittelbar gegen diesen Krieg so wenig tun können wie gegen den in Kolumbien, Somalia oder anderswo. Für jede und jeden einzelnen von uns stimmt das auch, und deshalb sind Wissen und Nicht-Wissen kein moralisches Problem: es gibt eine Banalität des Bösen, an der wir unmittelbar nichts ändern können.
Und trotzdem. Und trotzdem gibt es heute eine Öffentlichkeit, eine Weltöffentlichkeit, deren Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind: Gerade in diesem Jahr, dem Jahr des Arabischen Frühlings, haben wir erfahren können, wie weit diese Möglichkeiten tragen können, haben wir eine Ahnung erworben, wohin uns diese Möglichkeiten vielleicht schon morgen führen können. Shreen Saroor gehört zu den Menschen, die sich aufgemacht haben, gerade diese Möglichkeiten zu erkunden und auf die Probe zu stellen. Sie tut das im eigenen Namen und im Namen der etwa zwei Millionen Menschen, die im Norden und Osten Sri Lankas nur deshalb der Willkür einer Militärherrschaft ausgesetzt sind, weil sie tamilischen Namens sind.
Dass wir uns heute hier versammelt haben und über Sri Lanka sprechen, gehört so verstanden zu den Resultaten auch der Arbeit Shreens. Bleiben wir deshalb noch einen Moment beim Krieg auf Sri Lanka. Dieser Krieg war ein sogenannter "ethnischer Krieg", er war der Krieg der singhalesischsprachigen buddhistischen Mehrheit gegen die tamilischsprachige, zumeist hinduistische Minderheit. Der Krieg ging, jedenfalls sieht das heute so aus, im Frühjahr 2009 zu Ende, und er endete mit dem Sieg der singhalesisch-buddhistischen Regierung und der Auslöschung der tamilischen Rebellen, der "Tamil Tigers". Die Regierung in Colombo hat ihren Krieg als "Krieg gegen den Terror" geführt, d.h. ohne jede Rücksicht auf Verluste auch unter Zivilistinnen und Zivilisten. Die Europäische Union hat dazu das ihre beigetragen, indem sie die tamilischen Rebellen im Juni 2006 auf die Liste der sogenannte "terroristischen Organisationen" gesetzt hat. Brot für die Welt und medico international haben damals öffentlich gegen diese Entscheidung protestiert: nicht aus Sympathie für die Tamil Tigers, sondern weil wir befürchteten, dass die Aufnahme der Rebellen in die Brüsseler Terror-Liste in Colombo als Zustimmung zum "Krieg gegen den Terror" gewertet werden würde. Diesem Krieg fielen allein in den letzten vier Kriegsmonaten des Jahres 2009 40.000 Menschen zum Opfer: eingeschlossen auf einem schmalen Landstreifen an der Ostküste, von der singhalesischen Armee über Wochen hinweg von Land, von der See und aus der Luft beschossen, von den Tamil Tigers an der Flucht aus dem Kessel gehindert.

Shreen Abdul Saroor, um jetzt endlich auf die Preisträgerin zu sprechen zu kommen, Shreen erhält den Bremer Friedenspreis, weil sie sich seit Jahren schon für Demokratie und Aussöhnung zwischen den ethnisch-religiösen Gruppen auf Sri Lanka einsetzt, und weil sie das als eine nicht nur mutige, sondern auch hocherfahrene und hochbegabte "Netzwerkerin" tut. Dass sie maßgeblich als jemand arbeitet, der andere zusammenführt, hat mit ihrer eigenen Geschichte und Herkunft zu tun. Shreen spricht tamilisch, doch ihre Familie ist nicht hinduistischen, sondern muslimischen Glaubens. Sie wurde 1969 in der Stadt Mannar im Nordwesten Sri Lanka geboren, einer Gegend, die traditionell von Tamilinnen und Tamilen muslimischen Glaubens bewohnt war: der Minderheit der Minderheit. 1990 haben die Tamil Tiger 70.000 dieser Menschen vertrieben, darunter auch die Familie Shreens. Über Nacht ihrer Heimat beraubt, fand die Familie Unterkunft in einem Flüchtlingslager an der Westküste, in Puttalam, einem ebenfalls mehrheitlich muslimischen Ort. Später übersiedelte die Familie nach Colombo, Shreen begann ein Studium, das sie 1995 abschloss. Zunächst für private Unternehmungen tätig, brach sie ihre geschäftliche Karriere wenig später ab und arbeitete ab 1998 für fünf Jahre für eine auf Sri Lanka tätige kanadische Entwicklungsorganisation. Im selben Jahr gründete sie die Mannar Women’s Development Federation (MWDF), ein heute weit verzweigtes, in über 100 Gemeinden der Gegend um Mannar aktives Netzwerk von Frauengruppen, für das sie noch immer als ehrenamtliche Patronin tätig ist. Darüber hinaus gründete sie die Mannar Women for Human Rights and Democracy (MWHRD), ein Komitee, das sich um die Aufklärung und Beseitigung vor allem der sexualisierten Gewalt im Norden und Osten Sri Lankas einsetzt. Ehrenamtlich ist sie darüber hinaus für die in ganz Südasien aktiven NGO South Asians for Human Rights (SAHR) und für das srilankische Centre for Human Rights and Development (CHRD) tätig, das politisch Verfolgten und Kriegsopfern juristischen Beistand leistet. In bezahlter Stellung arbeitet sie für Ashoka Innovators for the Public, einer internationalen Stiftung, die sozialen Aktivistinnen und Aktivisten Stipendien gewährt.
Ich selbst bin Shreen erstmals im Dezember 2005 begegnet. Sie nahm damals an einer von medico international und Brot für die Welt initiierten Fact Finding Mission teil, die den Wiederaufbauprozess nach dem Tsunami untersuchen sollte. Zwei Wochen reisten wir damals durch den Norden, sprachen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Behörden und Hilfsorganisationen, mit Vertretern der Rebellen und überall mit den Menschen, die von Seebeben und Krieg vertrieben worden waren, ihre Heimat und viele ihrer Angehörigen und Nachbarn verloren hatten.
In den Flüchtlingslagern fiel mir sofort Shreens außerordentliche Begabung auf, mit den anderen Frauen ins Gespräch zu kommen, sie zu ermutigen, ihre Geschichten zu erzählen, ihre Erfahrungen zu schildern und ihre Forderungen zu benennen: Forderungen nach besserer Unterkunft und besserer Versorgung, nach einer zureichenden und würdevollen Behandlung durch Behörden und Hilfsorganisationen, nach Aufklärung über das Schicksal von Angehörigen und Freunden, nach Rückkehr in ihre Häuser und Anerkennung ihrer Rechte.
Nach einer mittlerweile jahrelangen engen Zusammenarbeit mit Shreen Saroor weiß ich, dass diese Begabung das Herz ihrer Arbeit bildet. Sie bewältigt diese lebensgefährliche und rastlos betriebene Arbeit aufgrund einer tiefen Empathie mit den Menschen, die zum Opfer von Ungerechtigkeit wurden und sich diesem Schicksal widersetzen, in der Verborgenheit des alltäglichen Überlebens wie, sofern dies möglich ist, in der Öffentlichkeit.
Es ist diese Tugend, die es ihr ermöglicht, im informellen Netzwerk der srilankischen Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten die Rolle einer Vermittlerin zu erfüllen, die in vertrauensvoller und verbindlicher Weise diejenigen zusammenbringt, die vor Ort dringend gebraucht werden: Frauen muslimischen und hinduistischen Glaubens, Priester der christlichen Kirchen, Aktivistinnen und Aktivisten tamilischer Basisorganisationen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der in Colombo tätigen Menschenrechtsorganisationen, Angehörige der kleinen, selbst verfolgten singhalesischen Opposition, schließlich auch die Vertreterinnen und Vertreter der internationalen NGOs. Allerdings: Trotz der ebenso unverzichtbaren wie notwendig "unsichtbaren" Rolle, die ihr in solchen nationalen und internationalen Verhandlungen zukam und weiter zukommt, hörte und hört sie nicht auf, zugleich auf der Graswurzelebene aktiv zu sein, den Menschen aufrichtig verbunden, denen solche Advocacy eigentlich gilt.
Es gibt dafür neben ihrer ganz besonderen Empathie für andere zwei ausdrücklich politische Gründe. Der erste liegt in der Erfahrung, selbst Angehörige einer verfolgten Minderheit zu sein, genau besehen: Angehörige der Minderheit der Minderheit zu sein. Der zweite Grund liegt in ihrem entschiedenen Feminismus. Um das in einer persönlichen Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr auf den Punkt zu bringen: Im März 2010 nahm ich in Mannar an einem Treffen teil, zu dem die Mannar Women’s Development Federation Frauen hinduistischen und muslimischen Glaubens zusammengebracht hatte: also Frauen der Familien, die 1990 aus Mannar vertrieben wurden, und Frauen der Familien, die heute dort leben, wo früher die anderen ihr Leben führten. Shreen leitete einen Workshop, der die Frauen befähigen sollte, selbst und in eigener Sache das Wort zu ergreifen – auch und gerade im ungewohnten und deshalb auch nicht einfachen Gespräch miteinander. Die Frauen hingen ihr geradezu gebannt an den Lippen – und begannen dann, Shreens Beispiel folgend, "wie losgelassen" selbst zu sprechen – für sich und miteinander.

Es liegt deshalb ganz in der Konsequenz ihrer feministischen und ihrer Minderheitserfahrung, wenn Shreen heute zuerst an der Seite derer arbeitet, deren Schicksal am schärfsten von der Gewalt des Ausschlusses gezeichnet ist, der immer auch ein Ausschluss von der Öffentlichkeit ist. Es sind dies Frauen, die freiwillig oder unfreiwillig mit den Rebellen gearbeitet haben und deshalb heute den untersten Platz einnehmen, den man in der srilankischen Hierarchie der Ausschlüsse einnehmen kann: schutzlos ausgeliefert einer Besatzungsarmee, deren Gewalt zugleich eine militärische und eine männliche Gewalt ist, oft aber auch verlassen von ihren eigenen Angehörigen, von ihren eigenen Familien: zu Unpersonen gemacht, die niemand zur Tochter, zur Schwester, zur Frau haben möchte und die niemand als Person eigenen Rechts anerkennt – und sei es nur deshalb, um nicht selbst ins Visier der Besatzungsmacht zu geraten. Shreen Abdul Saroor mit dem Bremer Friedenspreis zu ehren, heißt deshalb auch, den Frauen, an deren Seite sie ihre Arbeit tut, das Mindeste zu gewähren, das wir ihnen gewähren müssen: Öffentlichkeit, als erste Bedingungen der Möglichkeit, die Rechte zu gewinnen, die ihnen tagtäglich neu verweigert werden und um die sie deshalb jeden Tag neu zu kämpfen haben. Ab heute, ab jetzt, wissen auch wir davon.
The story of Shreen Saroor from Xenonstudio on Vimeo.




