Lernen auf und von zwei Kontinenten: Schüleraustausch Kamerun – Deutschland

Jugendliche in Deutschland und Kamerun beschäftigen sich mit Visionen, mit (entwicklungs-) politischen Themen, mit Gender und Kultur. Und das über viele Monate gemeinsam im intensiven Austausch. Höhepunkte der jeweils 16 Monate andauernden Projekte von Bremer und Kameruner Gymnasien sind wechselseitige Begegnungsreisen – 14 Tage in Kamerun und 14 Tage in Deutschland. Die Reisen werden intensiv vor- und nachbereitet: durch den binationalen Mailaustausch zu selbst gewählten Themen, regelmäßige Treffen der Gruppen in Kamerun und in Deutschland, Workshops mit Migrantinnen und Migranten und die intensive Begleitung durch ehemalige ProjekteilnehmerInnen. Mit kreativen Methoden wie Visionsarbeit, Theater, Musik und Debatten üben sich die Schülerinnen und Schüler in Selbstausdruck und Gemeinschaft. Beteiligung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe sind das Ziel. Durch Öffentlichkeitsarbeit (Radio, podcasts, blog, Forum) tragen sie ihre Erkenntnisse nach außen.
Seit 2009 führen Ehemalige (Alumnis) das Projekt weiter und betreuen die Bremer Schulclubs. In diesem Turnus ist das Hauptthema Solidarität. Die deutsche Gruppe reiste in der Regel im Herbst nach Kamerun, der Gegenbesuch der Kameruner findet im darauf folgenden Frühjahr statt.
Der Austausch findet im Rahmen des Partizipationsprojektes YOW – Youth On the World - Junge Frauen und Jugendliche bewegen die Welt statt, das von dem Verein VEPIK (Verein für Veränderung, Partizipation, Integration und Kommunikation) getragen wird.
Jugendliche begegnen sich in Kamerun: Sich von Herzen sehen.
Am 5.10.2009 kamen wir, 10 Schülerinnen und Heidrun Schmitt von VePIK in Yaoundé, Kamerun an und wurden dort von einigen Kamerunerinnen, Kamerunern und den Alumnis, die eine Woche vorher zur Vorbereitung nach Kamerun gereist waren, empfangen. Der gesamte zweiwöchige und über 6 Monate vorbereitete Austausch war sehr offen in Emotion und daher reich an Begegnung von Herzen.
Solidarität, das Oberthema der Begegnung, war inhaltlich, organisatorisch und individuell durchgehend Thema und wurde vorgelebt: Sie wurde dadurch in ihrer Komplexität, nämlich der Notwendigkeit von Mitgefühl, erlebt und gemeinschaftlich nach außen getragen auch durch öffentliche Aufführungen. Die Workshops wurden zum großen Teil von deutschen und kamerunischen Alumnis feingeplant und umgesetzt; ihre Kenntnisse hatten erheblichen Einfluss auf die Qualität der Begegnung – die jahrelange Vorarbeit bereitete einen Boden, auf dem Offenheit und Dialogbereitschaft auf der Basis von nichthierarchischem, kooperativem und freiwilligem Arbeiten gediehen.
Unvorgesehene Vorfälle machten auf individueller Ebene zwei Aspekte deutlich: Dass Geld korrumpiert und das Herz verschließt, und dass es auch anders geht. Wo mehr als 300 Euro für den Krankentransport gezahlt werden sollten (für eine Strecke, die sonst 5 Euro kostet), wo der Bus im Schlamm steckenbleiben sollte, wenn wir nicht Unmengen zahlen für Hilfe, wo sich Verkäufer um ihre Kunden schlagen – gab es immer auch diejenigen, die selbstlos und im Gespräch für Gerechtigkeit einstanden und Unterstützung leisteten.

Raps, Lieder, Klangkunstwerke, szenisches Spiel bearbeiteten u.a. Themen von Zusammenleben von Frau und Mann, Gewalt in den Medien und in der Familie, die Aufgabenverteilung im Haushalt und Freiheit des Individuums, die auch für die externen Zuhörer in Form und Inhalt neu waren und die Sicht der Jugendlichen darstellten.
Ein selbstorganisiertes Konzert zeugte von der Kraft der Jugendlichen, ihren Ausdruck und Fähigkeiten.
Heidrun Schmitt
Eine Teilnehmerin aus Kamerun schrieb:
A Reversed World
Women at the office
Men in the kitchen
Caring for children
Waiting for wives
Boys dancing ballets
Girls playing football
Boys finishing their emancipation or starting
Girls organised united
Girls opening doors for boys
Boys listening to women’s ideas,
Girls ministers of defence,
Boys equal to girls
This situation is POSSIBLE,
The other side also, all we need is
To have the right to choose
Between the possibilities
Which one is better or comfortable for us
Without facing regards and mockery
Feeling ashamed and bad
Obliged to lie and hide
What we really are or want to be
Just the right to choose
Nothing else (for the moment)

Eine Teilnehmerin aus Deutschland schrieb:
Der Bus, der uns vom Flughafen aus in Richtung des Ortskerns Yaoundés bringen sollte, war ziemlich klein und wir saßen etwas gequetscht. Die Sonne war schon untergegangen, und so fuhren wir bei Dunkelheit durch die Straßen. Alles ging sehr langsam voran, da viele Autos hupend und kreuzt und quer an uns vorbei fuhren oder uns entgegen kamen. „Hier gibt es keine Straßenverkehrsordnung“, dachte ich damals, natürlich aus europäischer Sicht gesehen. Auch fielen mir die vielen Menschen auf. Jeder traf sich auf den Straßen, überall waren Stände aufgebaut, und man sah die Frauen, die noch ihre Waren verkauften und Leute jeden Alters in Bars sitzen und etwas trinken. Es war ein großes Gewusel, und aus jeder Ecke klang Musik aus einer Anlage oder Berichte aus einem Fernseher, dessen Lautstärke voll aufgedreht war. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, wie schön es ist, dass es so viel Leben auf den Straßen gibt, und dass keiner alleine Zuhause sitzt und sich um sein eigenes Ding kümmert. Ich war begeistert vom Zusammenhalt, wie ich dachte. Doch muss ich zugeben, dass ich mich geirrt hatte, ich vermisse hier in Deutschland zwar immer noch das rege Treiben auf den Straßen Kameruns. Es geht aber nicht nur um den Zusammenhalt, sondern um das Überleben, wenigstens etwas verkaufen zu können, egal was es ist, um nicht hungern zu müssen.



