Öffentliches Wirken: Bischof Rubin Phillip
Laudatio von Renke Brahms
Sehr geehrter, lieber Bischof Rubin Phillip, sehr geehrte Frau Phillip, sehr geehrte Damen und Herren!
Bischof Rubin Phillip wird heute für sein öffentliches Wirken mit dem Friedenspreis der Stiftung ‚die schwelle’ geehrt. Und ich fühle mich sehr geehrt, als Friedensbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland diese Laudatio halten zu dürfen.
Das öffentliche Wirken Rubin Phillips findet zumeist weit entfernt von Bremen in Südafrika statt. Selten gelangt ein Zeugnis seines Wirkens bis in unsere Medien – wie etwa im Magazin Focus vom April letzten Jahres. Der Focus berichtet über das von Bischof Phillip gerichtlich durchgesetzte Verbot zum Entladen von Waffen für das diktatorische Regime in Zimbabwe. Doch darüber später mehr.
Dass Bischof Rubin Phillip heute hier im Bremer für sein öffentliches Wirken geehrt wird, freut viele in Bremen in besonderer Weise – erinnert es doch auch an einen früheren Besuch in Bremen: Bischof Rubin Phillip war im Jahr 2004 als damaliger Vorsitzender des in Durban beheimateten DIAKONIA Council of Churches zum ökumenischen Stadtkirchentag nach Bremen eingeladen worden. Sein Besuch diente auch der Festigung der Partnerschaft zum forum Kirche, die sich im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Bremen und Durban entwickelte.
Wenden wir uns dem Preisträger zu:
Die politische Dimension seines öffentlichen Wirkens – so möchte ich salopp formulieren, ist ihm bereits in die Wiege gelegt worden, denn Rubin Phillip wurde 1948 im Land der Apartheid, in Südafrika geboren. Als Urenkel eines aus Indien stammenden Vertragsarbeiters in den Zuckerplantagen wächst Rubin in einer Vorstadt Durbans mit überwiegend indischstämmiger Bevölkerung auf. Er erlebt die Diskriminierung, die die Apartheidgesetze nicht nur der schwarzen Bevölkerung sondern auch der indisch-stämmigen als ‚coloured’, als ‚farbig’ eingestuften Bevölkerung aussetzt. Aus einem nicht-religiös geprägten Elternhaus stammend, lässt Rubin Phillip sich taufen und wird Pastor/Priester der anglikanischen Kirche. Er nimmt teil an den Kämpfen gegen die Apartheid und wird 1969 Stellvertreter des im Jahr 1977 in Polizeihaft umgebrachten Führers der ‚Black Consciousness-Bewegung’ Steve Biko.
Rubin Phillip erhält – was im deutschen Sprachgebrauch eher verharmlosend klingt – Hausarrest, um sein öffentliches Wirken zu unterbinden. Sein priesterlicher/seelsorgerlicher und politischer Aktionsraum wird zwischen 1973 und 1976 auf maximal eine besuchende Person beschränkt. Doch sein Engagement bleibt ungebrochen.
Die Freilassung Nelson Mandelas 1990, der bereits 1988 den Bremer Solidaritätspreis erhalten hatte, markiert den Weg in ein demokratisches Südafrika. Rubin Phillip ist 45 Jahre alt, als er zum ersten Mal sein demokratisch verbrieftes Wahlrecht ausüben kann. Erstmalig wird im Jahr 2000 mit Rubin Phillip ein indisch stämmiger farbiger Bischof in der anglikanischen Kirche gewählt. Seither wirkt er als Bischof der Diözese Natal, die die Küstenregion mit der Hafenstadt Durban umfasst.

Nach diesen biografischen Notizen wenden wir uns nun dem Engagement Rubin Phillips zu und damit der Begründung für die heutige Preisverleihung.
Trotz der rechtlichen Gleichstellung der schwarzen und farbigen Bevölkerungsmehrheit wirken Erblasten und insbesondere ökonomische Strukturen aus der Apartheidzeit fort. Diese langen Schatten der Apartheid gefährden neben neuen Konflikten die junge Demokratie. Sie stellen die zentrale Herausforderung dar, der sich Bischof Rubin Phillip seither in ganz besonders engagierter Weise stellt. Und hierin ist auch die mit der heutigen Preisverleihung verbundene Ehrung begründet.
Als Bischof ist Rubin Phillip – wie jede Person in Kirchen leitender Funktion – eine öffentlich agierende und somit wirkende Person: doch die Art und Weise, wie Bischof Rubin diese Rolle füllt und nutzt, macht ihn zu einem großartigem Beispiel für eine Kirche, die in ihrer Verkündigung und auch im praktischen Wirken eine ‚gute Nachricht für die Armen’ ist.
Ich möchte Bischof Rubin als Befreiungstheologen würdigen, der sensibel für Leid und Unrecht ist, –prophetisch gegenüber den Mächtigen auftritt - und der aus Analyse und Urteilsbildung praktische Konsequenzen zieht.
Zwei Schwerpunkte seines Engagements möchte ich beispielhaft nennen: Das Engagement in der sozialen und politischen Situation vor Ort – und sein Eintreten für die Südafrika benachbarte Bevölkerung in Zimbabwe.
Bischof Rubin Phillip ist dort zu finden, wo Menschen Unrecht leiden. In seiner Diözese liegt Kennedy Road, ein Gebiet, in dem wie vielerorts in der Provinz KwaZulu Natal Menschen unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit leben. Ihr Zusammenleben unter den ärmlichen Bedingungen fehlender Arbeitsplätze, mangelhafter Behausungen, fehlender Elektrizität, ungeklärter Landbesitzfragen und Ängste vor Vertreibung ist nicht konfliktfrei. Dennoch gibt es eine basisdemokratisch legitimierte Vertretung, die sich allerdings nicht dem mainstream der herrschenden Partei, dem African National Congress unterordnet. Diese Menschen üben Kritik an der Regierung, an fehlender Umsetzung der Programme, die Armut lindern helfen sollen.
Rubin Phillip ist oft in dieser Siedlung, er besucht Versammlungen, hält ökumenische Andachten ab und beteiligt sich an Protestmärschen gegen Polizeiübergriffe. Erst kürzlich, Ende September werden durch eine bewaffnete Gruppe unter dem Vorwand ethnischer Feindschaft die gewählten Vertreter der Bewohner und Hunderte von Familienangehörigen mit furchtbarer Brutalität aus der Siedlung getrieben, einige ermordet.

In einem Protestruf vom 29. September diesen Jahres macht Bischof Rubin Phillip die Ereignisse und politischen Hintergründe bekannt. Sein Protestruf ist überschrieben: ANGRIFF AUF DEMOKRATIE IN KENNEDY ROAD: Er benennt seine positiven Erfahrungen in dieser Siedlung: er habe dort – wie er emphatisch schreibt – „das Beste unserer Demokratie gesehen“. Wie sonst nur in den 8oer Jahren des Apartheidregimes müsse seine Kirche erneut politische Aktivisten in sicheren Häusern verstecken und unterbringen, ärztliche Hilfe und juristischen Beistand für die zu Unrecht Verhafteten organisieren. Direkt und offen spricht er die politische Führung bis hin zu Präsiden Zuma an. Er ruft zu weiterem öffentlichem Protest auf und wirbt um Spenden für die Vertriebenen und Inhaftierten. Mahnend schließt Bischof Rubin mit dem Satz: „ Eine Demokratie, die nicht für jederman gilt, ist nur eine dem Namen nach.“ Anfang Oktober – dies ist jetzt gerade mal 3 Wochen her - begibt er sich zu den 8 in Haft genommenen Vertretern ins Gefängnis. Er prüft, ob Haftbedingungen zu kritisieren sind, spricht Mut zu, indem er ihnen von der nationalen und internationalen Solidarität berichtet. Abschließend betet er mit den Inhaftierten.
Bereits im vergangenen Jahr hatte Bischof Rubin Phillip am Freedom Day, dem 27 April, der an die Durchführung der ersten freien Wahlen in Südafrika erinnern soll, in einer Rede folgende Befürchtung geäußert: "Es gab eine Zeit, als unser Land ein Licht für die Welt war. Aber dies Licht ist so matt geworden, dass eine reale Gefahr besteht, dass es gänzlich erlischt. Heute leben Millionen Menschen unseres Volkes in Slumbaracken in lebensbedrohlichen Umständen, ständig dem Risiko von Bränden und Krankheiten wegen fehlender Elektrizität und Abwasserentsorgung ausgesetzt, während unser Land Stadien, Casinos und Themen-Parks baut."
Wieder sehen wir, dass lokale Konflikte einen globalen Hintergrund haben können: denn mit dem Hinweis auf den Stadionbau für die Fußballweltmeisterschaft im nächste Sommer, 2010, ist nicht nur die Frage der finanziellen Prioritäten gestellt – Brot oder Spiele. Der touristisch oder medial anwesenden Weltöffentlichkeit soll auch ein sauberes und sicheres Südafrika gezeigt werden. Und hierbei stören illegale Slumsiedlungen wie die in der Kennedy Road. Zumal die politische Basisbewegung der Slumbewohner schon national vernetzt agiert und einen weiteren Oppositionskern zum mächtigen ANC bildet.
Viel wäre noch über seinen unablässigen öffentlichen Einsatz zu den politischen Brandthemen Südafrikas zu sagen, zu seiner Vermittlungsrolle in Konflikten, zur offenen Kritik an der Korruption in den Verwaltungen, zu seinem Einsatz für die von ihm angestoßenen HIV/Aids-Programmen. Als Signal für diese Programme hat er sich selbst einem Aids-Test unterzogen.

Doch würde ich Bischof Rubin Phillip nicht gerecht, wenn nicht sein Einsatz zugunsten der bedrängten Menschen in Zimbabwe benannt würde:
Mit klarem Blick für die Bevölkerung Zimbabwes, die unter Regierungsgewalt und nacktem Elend leidet, setzt Bischof Rubin Phillip seit Februar 2002 sein Amt und sein Charisma ein, um geschehene Untaten öffentlich zu machen, Täter zu benennen und Opfern zu helfen. Er nutzt sein Bischofsamt auf dem internationalen Parkett der Staaten, um politisch Einfluss zu nehmen. Er besucht das Land solange es ihm noch gestattet ist, er schickt Gesandte aus, die Bildmaterial über Folter und Gewalt gegen die politische Opposition für die Weltöffentlichkeit sammeln und verbreiten. Und er befördert in Südafrika gegen die offizielle Politik der stillen Diplomatie ein zivilgesellschaftliches Bündnis der Solidarität mit Zimbabwe. Wie eingangs schon erwähnt, erlangt Bischof Rubin Phillip internationale Bekanntheit, als es ihm im April diesen Jahres gelingt, per Gerichtsbeschluss das Entladen eines mit Waffen für den Diktator in Zimbabwe beladenen chinesischen Frachters zu verhindern: Was für eine Schlagzeile: ‚Arm in arm – against arms’ Arm in Arm gegen die Waffen! Ein Priester aus Zimbabwe schreibt "Niemand wird je vergessen, dass - als die Kirche in Zimbabwe sich dem Diktat eines Regimes beugte, das jedes Gespür für die Unverletzlichkeit des Lebens verloren hatte, und die meisten Kirchen in Südafrika das Leiden, das einem Volk von dessen Regierung auferlegt wurde, zu rationalisieren trachteten, dass Bischof Rubin zur Verteidigung der Heiligkeit des Lebens aufstand."
Für sein Wirken für die Menschen in Südafrika und Zimbabwe, für sein aus dem Glauben gespeistes Engagement für Gerechtigkeit und Frieden würdigen und ehren wir heute Bischof Rubin Philipp mit dem Friedenspreis der Stiftung die schwelle.
Herzlichen Glückwunsch.




