Beispielhafte Initiative: animus und PULSE
Laudatio von Marieluise Beck
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
erst letzte Woche feierte der Bremer Verein "Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen" sein 30-jähriges Bestehen. Es gab dazu einen Empfang, hier im Rathaus, als Anerkennung für ihre langjährige Arbeit. Denn ihre Unterstützung ist für viele Frauen notwendig, auch in einem Land, in dem Gleichberechtigung gesetzlich verankert ist. Noch vor 30 Jahren war auch hierzulande der Aufschrei groß, wenn versucht wurde ein solches Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Auch in Deutschland hat man sich lange Zeit sehr schwer getan, mit Tabus zu brechen und Themen wie Homosexualität, Gewalt in den Familien, Kindesmissbrauch und Prostitution anzusprechen.
Wie notwendig mag ein Verein in patriarchalisch orientierten Gesellschaften sein? In Ländern, in denen Frauen nicht die gleichen Möglichkeiten und Chancen haben wie Männer? In denen Frauen bei Ausbildung und Zugang zum Arbeitsmarkt benachteiligt werden? Schauen wir uns Bulgarien an: Dort wird jeder fünfte Haushalt von allein erziehenden Frauen geführt, von denen 65% in größter Armut leben. In einer vom GTZ veröffentlichten Studie heißt es, schätzungsweise 450.000 bulgarische Frauen würden das Risiko eingehen, sich auf inoffiziellem Wege einen Arbeitsplatz im Ausland zu suchen. In ihrer Not folgen jedes Jahr Tausende von ihnen Angeboten von Menschenhändlern. Sie versprechen den verzweifelten Frauen Jobs in Gastronomie und Hotelgewerbe, in der Krankenpflege und in Privathaushalten. In der Erwartung, im Ausland eine bessere Lebensperspektive zu finden, lassen sie sich überzeugen. Tatsächlich werden die Frauen - oft auch Kinder - zur Prostitution gezwungen.
Denen, den es gelingt, ihren skrupellosen Peinigern in Westeuropa, in Deutschland, in Bremen zu entkommen und in ihr Heimatland Bulgarien zurück zu kehren, denen erwartet zuhause Diskriminierung auf familiärer sowie auf gesellschaftlicher Ebene. Glücklicherweise bieten in Sofia wie in der nicht weit entfernten Kleinstadt Pernik zwei Organisationen in Not geratenen, misshandelten Frauen Übernachtungsmöglichkeiten sowie medizinische und psychotherapeutische Hilfe. Diese beiden bulgarischen Initiativen - Animus und PULSE - werden heute mit dem diesjährigen Friedenspreis in der Kategorie ‚Beispielhafte Projektarbeit’ ausgezeichnet.
Was die beiden Organisationen verbindet:
Sowohl Animus als auch PULSE sind von Frauen gegründete Selbsthilfeinitiativen, die nicht-staatlich, von anderen Organisationen unabhängig und gemeinnützig tätig sind. Beide Organisationen haben es sich zum Ziel gesetzt, Opfern von Gewalt, insbesondere auch im häuslichen Bereich, beratend zur Seite zu stehen.
animus
Die Hilfsorganisation animus wurde im Jahr 1994 von zwei engagierten Frauen - Nadejda Stoytcheva und Maria Tchomarova - in der bulgarischen Hauptstadt Sofia ins Leben gerufen. Die beiden ausgebildeten Psychotherapeutinnen sahen die Notwendigkeit, eine Beratungsstelle für Frauen einzurichten, die Opfer von Gewalt geworden sind. Gleichzeitig wollten sie die bulgarische Öffentlichkeit für das Thema Gewalt gegen Frauen sensibilisieren.
Von Anfang an spielte die Gruppe der nach Bulgarien zurückkehrenden Frauen, die dem Menschenhandel, dem sog. Human Trafficking zum Opfer gefallen sind, eine besondere Rolle. Dabei ging die Unterstützung durch Animus weiter, als den schutzlosen Frauen zunächst ein Dach über dem Kopf zu bieten. Ihr Hauptanliegen war die langfristige Unterstützung: die psychotherapeutische und medizinische Versorgung der hilfsbedürftigen Frauen.

Geleitet wird die Hilfsorganisation - inzwischen hauptamtlich - von ihren beiden Gründerinnen. Frau Nadejda Stoytcheva und Frau Maria Tchomarova haben es gemeinsam mit Entschlossenheit und Zielgenauigkeit geschafft, dass sich ihr Projekt zu einer angesehenen und besonders wirkungsvollen Organisation entwickelt hat. Heute beschäftigt Animus 26 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die von über 30 freiwilligen Helfern ehrenamtlich unterstützt werden. Sie beraten, betreuen, klären auf, organisieren Konferenzen und vernetzen sich regional, national sowie international.
Neben ihrer Arbeit mit Frauen kümmert sich die Organisation auch um Kinder, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Auch für sie ist die landesweit einheitliche telefonische Notruf- und Beratungsnummer, die Animus einrichten konnte, oft der letzte Strohhalm. Unter dieser können sie sowie andere Hilfesuchende rund um die Uhr professionelle Beratung und Hilfestellungen zum Thema erhalten.
Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen ihrer zurückhaltenden Erscheinung und ihres bescheidenes Auftretens sind das Ansehen und der Erfolg von Animus stetig gewachsen. Inzwischen hat auch der bulgarische Staat endlich erkannt - teilweise gezwungenermaßen - welch gute und notwendige Arbeit Animus leistet. Ausländische nicht-regierungs-Organisationen wissen das schon länger und unterstützen Animus strukturell und finanziell.
PULSE
Die Stadt Pernik, die ca. 60 km südwestlich von Sofia liegt, ist eine monotone, traurige und geradezu perspektivarme Industriestadt. Drogenkonsum, Verwahrlosung, Gewalt, auch gegen Frauen und Kinder, prägen hier den Alltag.
Hier arbeitet seit 2001 die Organisation PULSE, ein kleinerer Ableger von animus. PULSE hat zwar ähnliche Ziele wie Animus, ist aber noch lange nicht so bekannt wie die inzwischen etablierte Hilfsorganisation der Hauptstadt. Da die Verhältnisse rund um Pernik insgesamt trostloser und erheblich perspektivärmer sind als in Sofia, kann das Engagement der Frauen in Pernik gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
PULSE ist eine noch sehr junge und deswegen von vielen Alltagsproblemen belastete Organisation, die gleichwohl mit erheblicher Energie und Zielstrebigkeit ihre Ziele verfolgt. Hier arbeiten sechs Festangestellte, fünf Teilzeitkräfte und rund 30 Freiwillige mit zähem Engagement, allesamt mutig, bewundernswert und wirksam. Es ist der persönliche Engagement dieses tapferen und qualifizierten Teams, der PULSE am Leben erhält.

Großprojekte gehören nicht zu ihrem Tagesgeschäft: Ihre finanziellen Mittel sind leider bescheiden. Inzwischen hat die Stadt Pernik Unterstützung in Aussicht gestellt, denn PULSE kümmert sich auch um die Betreuung von Drogenkonsumenten in der Stadt, deren elendes Schicksal zunehmend augenfällig wird. Auf diese Weise ist PULSE immerhin zu einem anerkannten und festen Bestandteil der "Sozialen Szene" von Pernik geworden. Ich wünsche mir, dass die Nachricht von der heutigen Preisverleihung in Bremen auch Bulgarien erreicht und dabei helfen kann, die kommunale und nationale Förderung für PULSE zu beschleunigen.
Was Animus und PULSE mit Bremen verbindet:
So lange es in Bremen Männer gibt, die zu diesen verzweifelten Frauen gehen, so lange wird die Arbeit von PULSE und Animus unentbehrlich sein.
Laut der Vereinten Nationen werden jährlich mutmaßlich 4 Mio. Menschen Opfer von Menschenhandel. Nach Schätzungen von UNICEF sind 1,2 Mio. Kinder weltweit betroffen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass jährlich gegen 500.000 Frauen und Kinder aus Mittel- und Osteuropa nach Westeuropa gehandelt werden. Inzwischen ist die Rede von einer modernen Form von Sklaverei.
Allein in der Stadt Bremen leben schätzungsweise 600 bis 700 Zwangsprostituierte nichtdeutscher Herkunft. Die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa, speziell Bulgarien. Sie sind jung, viele minderjährig. Viele von ihnen können weder lesen noch schreiben. Sie sind schon vor ihrer Misshandlung in Deutschland stark traumatisiert, weil sie schon als Kind häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. Sie werden menschenunwürdig behandelt. Sie werden mit körperlicher und psychischer Gewalt dazu gezwungen, zwölf Stunden pro Tag an sieben Tagen in der Woche ihre Freier empfangen. Von ihren Verdiensten bleibt für sie selbst kaum etwas übrig. Es fehlt ihnen an Gesundheitsversorgung. Sie haben keine sozialen Kontakte. Sie sprechen kein Deutsch. Sie haben keine Papiere.
Doch auch wenn es diese geknechteten Frauen schaffen, aus ihrem Umfeld auszubrechen, den Mut finden oder so verzweifelt sind, dass sie sich Hilfe suchen, so ist nach wie vor unklar, welche Perspektiven sie haben. Damit haben auch wir in Bremen eine klare Mitverantwortung und Verpflichtungen gegenüber diesen Frauen: Ein Recht auf Schutz und gegebenenfalls ein Aufenthaltstitel. Denn der Weg zurück in ihr Heimatland ist nicht offen: dort erwartet sie familiärer Druck, Rache von Bandenmitgliedern sowie gesellschaftliche Stigmatisierung.
Gelingt ihnen trotz aller Widrigkeiten dennoch eine Rückkehr in ihre Heimat, sind ortsansässige Anlaufstellen wie Animus und PULSE, die Frauen, die Opfer sexueller Ausbeutung geworden sind, beiseite stehen, unentbehrlich und jedes Preises würdig. Diese Einrichtungen brauchen unsere – und damit internationale Anerkennung sowie finanzielle Unterstützung, damit ihre Arbeit auch zukünftig gewährleistet ist.
Ich freue mich sehr über die Entscheidung von der Stiftung die schwelle und möchte Ihnen, Frau Nadejda Stoytcheva (animus) und Frau Katja Veleva (PULSE) - stellvertretend für Ihre Organisationen - für Ihren herausragenden Einsatz und Ihren beharrlichen Mut meine Bewunderung aussprechen - und Ihnen zum Preis gratulieren.





