Ärgerdrache & Friedensgiraffe: Gewaltprävention im Kindergarten
Eine Konfliktampel im Kindergarten? - Ja, und zwar gleich neben jeder Gruppentür, wo auch jeweils ein grimmig dreinblickender Drache lauert. Mehrsprachige Schriftbanner mit Gefühls- Adjektiven von „agressiv” über „friedlich” und „fröhlich”, „misstrauisch” bis hin zu „wütend” und „zornig” zieren den Flur. Dazu große Stoffpuppen, die über einen Infoständer hinweg ihre überdimensionalen Gesichter zeigen. Wahlweise ziehen sie eine beleidigt dreinblickende Schnute oder es kullern ihnen dicke Tränen die Backen herunter, eine dritte „Gefühlspuppe” lacht ebenso breit wie herzhaft.
Wer sich den Kindergarten der Immanuel-Gemeinde in Bremen-Walle umschaut, dem begegnen einige Auffälligkeiten dieser Art: Gefühle verfolgen den Besucher scheinbar auf Schritt und Tritt, wie im „echten” Leben eben. Dahinter steckt Methode: Denn dieser Kindergarten ist Konsultationskita in Sachen Friedens- und Religionspädagogik. Er ist die Bremer Muster-Einrichtung, die anderen zeigen soll, wie Konfliktlösungen und Streitvorbeugung im Kita-Alltag idealerweise aussehen können. Erzieherinnen aus anderen Einrichtungen, aber auch alle anderen an Friedenspädagogik Interessierten, können sich hier aus erster Hand praxistaugliche Tipps und Anregungen holen: Wie lässt sich der permanente Zoff in der Bauecke lösen? Was kann ich tun, wenn bei den immer gleichen Streithähnen der kleinste Funke gleich zu wildesten Kraftausdrücken und nach kürzester Zeit zu handfestem Faust-Einsatz führt? In solchen Fällen kann ein Besuch in der Modell-Kita der Immanuel-Gemeinde auch pädagogischen Fachkräften die Augen öffnen und ihnen wertvolle Anregungen geben. Denn Konflikte gehören zum Alltag von Kindern dazu. Wichtig ist es, dass sie lernen, diese friedlich und konstruktiv zu lösen.
Für den Schwerpunkt intensiv fortgebildet
Friedenspädagogik hat in der Immanuel-Kita schon eine längere Tradition. Fachlich weitergebildet hat sich das gesamte Team nach dem Modell „Wenn Raben streiten…”, das der Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder mit Unterstützung der Stiftung die schwelle im Jahr 2007 angeboten hatte. Die Kitas Walle und Immanuel nahmen an dieser umfangreichen Fortbildung mit der Bamberger Friedenspädagogin Petra Kröner teil.
Das Modell „Wenn Raben streiten…” ist heute selbstverständlicher Bestandteil des Kita-Alltags: Die Konflikt-Ampel, die Figuren des Ärgerdrachens und der Friedensgiraffe, die Methode der Kuscheltieratmung – all’ das wenden die Erzieherinnen an. „Unsere Friedenspädagogik setzt am Menschenbild an”, erläutert Kindergartenleiterin Dagmar Eckelmann. „Es geht darum, mit Kindern über ihre Gefühle und Bedürfnisse ins Gespräch zu kommen und so konfliktvorbeugend zu wirken bzw. Konfliktlösungen zu erreichen, die ohne Streit und Gewalt auskommen.” Deshalb gibt es überall im Kindergarten viele pädagogische Hilfsmittel, die Kindern und Erzieherinnen bei der Erkundung der Gefühlswelt helfen. Denn jedes Bedürfnis erzeugt ein Gefühl, das möglicherweise mit den Bedürfnissen und Interessen anderer nicht in Einklang steht. Das erzeugt bei der „Gegenseite” ebenfalls starke Gefühle, die zu Spannungen und Konflikten führen.
„Die Anspannung im konkreten Konfliktfall lösen, heißt zunächst: Druck rausnehmen”, erläutert Erzieherin Kathrin Schmohel, Leiterin der Hortgruppe. „Wir nehmen keine Schuldzuweisungen vor, sondern schauen mit den betroffenen Kindern gemeinsam: Wie können es beide besser machen?” Zusammen mit der Pädagogin überlegen die Kinder, wie der Konflikt angefangen hat und welche Bedürfnisse sie haben. „Bei einer gelungenen Konfliktlösung gehen beide Betroffenen mit dem Gefühl heraus, dass sie der ‘Konfliktgegner’ verstanden hat.”
Per Konfliktampel Druck rausnehmen
Ein Beispiel: Beim Fußballspiel geht’s urplötzlich sehr ruppig zu, zwei Jungs foulen sich gegenseitig, was das Zeug hält. „Da greift die Konfliktampel. In der roten Phase, der Ärgerphase, entfernt sich einer von beiden erstmal. In der gelben Phase hat sich die Lage dann so beruhigt, dass beide Seiten erzählen können, was aus ihrer Sicht passiert ist und was sie gewollt haben. Es folgt die grüne Phase mit der Frage: Wie geht’s weiter? Wollen sich beide Konfliktparteien aus dem Weg gehen, vertragen oder reicht es, sich einfach mal ausgesprochen zu haben?”

Selbstverständliche Alltags-Rituale
Dieses Ritual läuft im Immanuel-Kindergarten mittlerweile selbstverständlich ab. „Die Kinder wissen: Gefühle wie Wut oder Trauer zu haben, ist in Ordnung. Aber das Verhalten, andere deshalb zu schlagen, ist ganz und gar nicht in Ordnung”, erläutert Kathrin Schmohel. „Wir versuchen, Kinder in dem, was sie bewegt, partnerschaftlich wahrzunehmen. Dazu gehört, Konflikte und Gefühle nicht einfach abzutun, sondern ernstzunehmen”, betont Dagmar Eckelmann. Diese Haltung habe zu einem deutlich entspannteren Umgang miteinander geführt. „Wir sind durch verschiedene Methoden im Umgang miteinander achtsamer, sensibler und respektvoller geworden.”
Der immer böse Ärgerdrache, der lieber eine Friedenstaube wäre, das Gespenst Herr Balthasar, aber vor allem auch die kluge Giraffe, die mit ihrem langen Hals stets den Überblick behält und – wie die Kinder in ihrem Anti-Konflikttraining lernen – von allen Tieren das größte Herz (mit bis zu 14 Kilogramm Gewicht) hat, helfen den Kindern dabei. „Der Giraffe kann man seine ganze Wut und den Ärger erzählen, der einen bewegt, denn sie lässt sich mit ihrem dicken Fell nicht so schnell pisacken und aus der Ruhe bringen”, sagt Kathrin Schmohel. „Als Vegetarierin ist sie von Natur aus friedlich.”
Über Gefühle und Bedürfnisse reden
Friedenspädagogik ist in der Immanuel-Kita kein Projekt, sondern begleitet Kinder und Erzieherinnen im tagtäglichen Kita-Betrieb. Letztlich geht es darum, ein christliches Menschenbild nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern praktisch zu leben: „Kinder lernen, auch indem sie über ihre Gefühle und Bedürfnisse reden, Strategien für den Umgang miteinander. Wertschätzend und respektvoll miteinander umzugehen, ist die beste Konfliktprävention”, erklärt Dagmar Eckelmann. So erfahren die Kinder, was ihnen ganz persönlich gut tut, um aus Wut, Angst oder Trauer herauszukommen, ohne auf andere loszugehen. „Da gibt es auch die Erfahrung, dass der Weg zurück zur Freude eine ganze Zeit dauern kann.”
Giraffensprache in Kleingruppen lernen
In der Immanuel-Konsultationskita lernen alle Kinder die „Giraffensprache”, das heißt, sie durchlaufen ein spezielles Trainingsprogramm, das im „Giraffenclub-Pass” dokumentiert wird. In 12 Einheiten von je 30 bis 45 Minuten Dauer geht es unter anderem um Wertschätzung anderen gegenüber, die Kuscheltieratmung als Körperwahrnehmungs-Methode zur Selbstregulation z.B. der eigenen Aufregung, die Wahrnehmung von Körpersprache als Mittel, um Gefühle auszudrücken und auch um die Frage, wie aus negativen wieder positive Gefühle werden können. „Ganz wichtig ist, dass die Kinder in dem Kurs lernen, wie sie aus negativen Gefühlen selbst wieder herauskommen können, wie zum Beispiel aus Angst wieder Freude werden kann”, berichtet Kathrin Schmohel. Auch die Frage, welche Konfliktlösungen fair und welche unfair sind, wird auf kindgerechte Weise erarbeitet. Zum Abschluss feiern die Giraffenclub-Kinder ein kleines Fest und bekommen – wie bei jeder ordentlichen Fortbildung üblich – ein Zertifikat.
Erfahrungen und Methoden weitergeben
„Von den Eltern bekommen wir immer wieder positive Rückmeldungen, wieviel von dem Gelernten und den neuen Erfahrungen auch zu Hause ankommt. Auch bei Eltern gibt es ein großes Interesse, von diesen Methoden zu profitieren”, hat Dagmar Eckelmann erfahren. Wissen und Erfahrungen gibt das Kita-Team der Immanuel-Gemeinde gern weiter: Wer möchte, kann sich die Arbeit in kleinen Videofilmen quasi „live” anschauen. Vorteil: Für die Kinder bleibt ein geschützter Raum, über Gefühle zu reden und Interessenten haben trotzdem die Möglichkeit, die Atmosphäre des Kindergartens zu spüren und zu sehen, wie dort gearbeitet wird. „Wir können nur zeigen: So machen wir’s. Aber natürlich muss das friedenspädagogische Konzept auf die Bedingungen und die Situation in der jeweiligen Einrichtung angepasst werden”, betont Dagmar Eckelmann.
Konfliktfähigkeit macht stark – je früher Kinder einen positiven Umgang mit Gefühlen und Konflikten üben, desto besser. In der Kindertagesstätte der Immanuel-Gemeinde lässt sich entdecken, wie das lebensnah und alltagstauglich funktionieren kann.
BEK Forum/ Matthias Dembski
Konsultations-Kita für Friedens- und Religionspädagogik
Kindertagesstätte der Ev. Immanuel-Gemeinde
Ansprechpartnerinnen: Dagmar Eckelmann (Leiterin)
Kathrin Schmohel (Gruppenleiterin)
Steffensweg 135a; 28217 Bremen
Telefon 0421/ 38 08 764
Immanuel@kiki-Bremen.de
www.kirche-bremen.de/gemeinden/16_immanuel/16_immanuel_kita_start.php





