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Öffentliches Wirken: Wolfgang Kessler

Laudatio von Reinhard Jung

Die dritte Kategorie unseres Friedenpreises steht unter der Überschrift: “Preis für öffentliches Wirken“. Und zu den Kriterien heißt es: „In dieser Kategorie sollen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ausgezeichnet werden, die sich nachhaltig und mutig in der Öffentlichkeit für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen“. Nach dem UN-Diplomaten Hans von Sponneck im Jahr 2003 und dem weißrussischen Atomphysiker und Kernenergiekritiker Prof. Nesterenko im Jahr 2005 ehren wir diesmal einen Ökonomen und Journalisten, der diese Kriterien in eindrücklicher Weise erfüllt. Dr. Wolfgang Kessler, den langjährigen Chefredakteur der christlichen Zeitschrift Publik Forum.

Herzlich Willkommen, Herr Kessler, herzlich Willkommen auch Sie, Frau Kessler!

Wer unsere Broschüre zum Friedenspreis 2007 durchblättert, wird feststellen, dass Wolfgang Kessler dort nicht nur als Ausgezeichneter, sondern auch als Vorschlagender vorkommt: Er hat ein ganz besonderes Friedensmuseum vorgeschlagen: die Friedensräume Konstanz.Aber lange bevor dieser Vorschlag bei uns einging, stand er selbst auf der Liste des Vorstandes der Stiftung. Und ich weiß noch genau, wie begeistert eines unserer Mitglieder reagierte, als der Vorschlag Kessler zum erstenmal genannt wurde. „Ja – der hat den Preis wirklich verdient. Ich einen Vortrag von ihm in der Kirche Unser Lieben Frauen hier in Bremen gehört. Das war so verständlich, kompetent und überzeugend und voller Perspektiven, wie ich es selten gehört habe.“ Soweit die ungefähre Reaktion.

Damit haben wir schon eins der drei Tätigkeitsfelder vor Augen, die Wolfgang Kessler prägen: Er ist erstens ein Reisender in Sachen Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. „Ein besseres Klima ist möglich – Wege zu einem zukunftsfähigen Wirtschafts- und Lebensstil“ war der Titel eines Vortrages am 1.10.07 während der Einen Welt-Woche in Bremerhaven, „Globalisierung gestalten – Strategien gegen die Ökonomie der Zerstörung“ so ein anderer aktueller und programmatischer Titel im diesem Jahr des G8-Gipfels in Heiligendamm. Der derzeit zeitlich letzte Vortagstermin im Terminkalender von Publik Forum ist der  25. April 08, ein Vortrag in  Eisenstadt, ein österreichisches Städtchen am Neusiedler See, ganz im Südosten des deutschen Sprachraumes.

Von Bremerhaven, ganz im Nordwesten bis Eisenstadt, ganz im Südosten: Wolfgang Kessler hält Vorträge gegen die (Zitat) „Ökonomie der Zerstörung“ und für „Wege zu mehr Gerechtigkeit“. In katholischen und evangelischen Gemeindehäusern, aber auch auf Kirchentagen und in Hochschulen wie in Bremerhaven. Wer  - wie ich - die Vorträge nur gelesen hat, weiß schnell warum es zu solchen Reaktionen bei den Zuhörern kommt,  wie die erwähnte: Kurz und plastisch die Sprache, trotzdem fakten- und facettenreich, verständlich und doch sachlich angemessen differenziert. Und besonders hervorstechend: Wolfgang Kessler bleibt nicht bei der kritischen Analyse stehen, sondern sucht immer nach Auswegen, nach Perspektiven – nach Handlungsmöglichkeiten – auch für den Einzelnen, aber ohne jemals die politischen Dimensionen zu vernachlässigen.

Das ist wohl das Besondere an Dr. Wolfgang Kessler, dem Reisenden in Sachen Gerechtigkeit und Frieden: Er nimmt seine Zuhörer mit, um gemeinsam nach Wegen für ein menschen- und schöpfungsgerechtes Wirtschaften zu suchen. Und in den Diskussionen danach, so wird er gelobt, bringt er auch anders Denkenden eine ausgesprochene Wertschätzung entgegen.

Lieber Herr Kessler, ich weiß ja nicht was zu erst kommt, die Vorträge, die umfangreichen Bücher oder die kurzen Artikel als Journalist. Wahrscheinlich stellt meine Laudatio die richtige Reihenfolge geradezu auf den Kopf, wenn ich zweitens auf den Buch-Autor zu sprechen komme. Durch seine Bücher habe ich, wie viele andere Menschen, Wolfgang Kessler zuerst kennen gelernt: „Weltbeben – Auswege aus der Globalisierungsfalle“ ist vielleicht sein bekanntestes Buch, 2002 in der ersten Auflage erschienen und weiterhin sehr aktuell. Es ist draußen am Büchertisch der Albatros-Buchhandlung, wie seine anderen aktuellen Bücher, käuflich zu erwerben. Das jüngste Buch, wieder zusammen mit Stephan Hebel, stellvertretender Chefredakteur der Frankfurter Rundschau herausgegeben, ist erst vor wenigen Wochen erschienen und spitzt den Ansatz bei den persönlichen Handlungsperspektiven schon im Titel zu: „Macht’s besser – die Welt verändern und das Leben genießen“. Verändern und Genießen! Wenn ich es recht sehe, wird hier ein Credo von Wolfgang Kessler deutlich, dass menschengerechte Veränderungen niemals nur aufgrund scharfsinniger und kritischer Analysen möglich sind, sondern nur dann, wenn es Wege gibt, die uns bereichern, uns gut tun, ja uns Spaß machen.

In einem der gemeinsamen Bücher von Publik Forum und der Frankfurter Rundschau formulieren die Herausgeber Wolfgang Storz, Stephan Hebel und Wolfgang Kessler fast philosophisch: „Wenn der Satz stimmt, dass die wirksamste Provokation der Herrschen¬den in der Präsentation von Alternativen liegt - und dieser Satz stimmt - , dann braucht diese Gesellschaft eine wahrhaftige Analyse des Bestehenden. Auf diesem Fundament können Alternativen wachsen, die weit reichend genug und ausreichend realistisch sind.“

„Wider die herrschend Leere“ mit zwei e geschrieben heißt dieses gemeinsame Buch. Diese Überschrift – mit zwei und mit einem e geschrieben - könnte über dem gesamten publizistischem Wirken von Wolfgang Kessler seit den 80er Jahren stehen. Er hat sich entschieden, „wider die herrschende ökonomische Lehre“ anzutreten, wie sie z.B. der Internationale Währungsfond damals wie heute vertritt, bei dem Wolfgang Kessler in Washington Anfang der 80er Jahre kurzzeitig gearbeitet hat. Stattdessen hieß es bei ihm:  „Aufbruch zu neuen Ufern – ein Manifest für ein sozial-ökologische Wirtschaftsordnung“ - so der Titel eines seiner ersten Bücher aus dem Jahr 1989. Mit einem solchem Programm macht man sich keine Freunde in der herrschenden Zunft der Ökonomen, aber ebenso wenig bei den meisten Chefredakteuren und Verlegern in unserer Medienlandschaft.

Desto mehr ist die Leistung von Wolfgang Kessler zu würdigen, sich als Wirtschaftspublizist in Deutschland durchgesetzt zu haben und in der Frankfurter Rundschau auch engagierte Mitstreiter für eine menschen- statt renditegerechte Wirtschaftspolitik gefunden zu haben. Ich hoffe, dass diese Zusammenarbeit auch mit der sog. „Neuen“ Frankfurter Rundschau weitergeht. Unser Land braucht wahrlich, auch in der Medienlandschaft Alternativen statt dieser uniformen großen Koalition der falschen Reformen.

Jetzt endlich bin ich bei der dritten Tätigkeitsebene, die unseren Preisträger auszeichnet: Seit 1991 arbeitet er bei der katholisch verwurzelten, ökumenischen Zeitschrift „Publik Forum“, seit 9 Jahren ist er einer der beiden Chefredakteure. Diese Zeitschrift selbst tritt für das ein, wofür wir Wolfgang Kessler heute ehren. Wenn wir ihn heute auszeichnen, dann zeichnen wir auch ein wenig dieses basisorientierte Publikationsprojekt aus, dass auf eine 35 jährige Erfolgsgeschichte, seit 1972, zurückschauen kann.

Wolfgang Kessler zu ehren heißt deshalb auch den sozial verantwortlichen Reformkatholizismus in unserem Land, die Kirche von unten zu ehren. Und es heißt die Hartnäckigkeit der katholischen Soziallehre und ihrer wichtigen theologischen Gründerväter wie Friedhelm Hengsbach zu würdigen, die in den verschiedenen Büchern von Wolfgang Kessler zu Wort kommen.

Ich komme zum Schluss:
In vielen heutigen Vorträgen sagt Kessler unter Verweis auf die Erfolge der Umwelt- und Friedensbewegung für die politische Kultur in unserem Land: „Jetzt braucht Deutschland eine Sozialbewegung“ und hofft dabei auf ein breites  Bündnis aus kirchlichenen Kreisen, Gewerkschaften, neuen sozialen Gruppen wie Attac usw., um etwa das Thema Gerechtigkeit wieder auf die Tagesordnung zu setzen.

In diesem Jahr genau vor 10 Jahren haben der Rat der Ev. Kirche in Deutschland und die Katholische Bischofskonferenz das Gemeinsame Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ veröffentlicht. Damit sollte eigentlich eine solche Sozialbewegung eine wirkungsmächtige Grundlage bekommen. „Solidarität und Gerechtigkeit sind notwendiger denn je. Tiefe Risse gehen durch unser Land.“ So hieß es in der berühmten Einleitung dieses bis heute hervorragenden Maßstabspapiers.

Die Zukunft, die kam war leider anders. Heute sind die Risse tiefer denn, 10 Jahre später. Die politischen Koalitionen, gleich welcher parteipolitischen Coleur, haben sie nicht beseitigt, sondern sogar vertieft. Auch beide Kirchen haben ihre Aufgaben nur unzureichend wahr genommen, sind zum Teil sogar deutlich hinter die damals erreichten Positionen zurückgefallen: Gottes Option für die Armen steht wahrlich nicht im Mittelpunkt kirchlichen Redens und Handelns. Man könnte resignieren, wenn man nach 10 Jahren Bilanz zieht.

Desto wichtiger sind in einer solchen Situation Ökonomen und Journalisten wie Wolfgang Kessler und Publikationsorgane  wie Publik Forum. Menschen die Mut machen, Menschen die Alternativen auf zeigen, Menschen, die Wege zu einer menschengerechten Ökonomie und Globalisierung auf zeigen. Dazu gehört auch, den Blick zu verändern und öffentlich zu machen, wie viele Menschen in den Kirchen und der Gesellschaft gegen ein Ökonomie der Zerstörung  arbeiten, kurz gesagt daran arbeiten, dass es besser wird.

Dafür danken wir Ihnen Herr Kessler und verleihen Ihnen den Bremer Friedenspreis der Stiftung die schwelle 2007 für öffentliches Wirken.