Die unbekannte Friedensarbeiterin: Susan Jennifer Gilbey

Laudatio von Klaus Körber
Die Stiftung die schwelle verleiht heute Susan Jennifer Gilbey den Bremer Friedenspreis 2009 für die unbekannte Friedensarbeiterin. Der Preis für die unbekannte Friedensarbeiterin bzw. den unbekannten Friedensarbeiter ist uns besonders wichtig. Wir möchten damit auf die unzähligen Menschen aufmerksam machen, die von der Öffentlichkeit unbemerkt tagtäglich für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung arbeiten. Wir möchten damit Andere ermutigen, Gleiches zu tun. Vor allem aber möchten wir denjenigen danken, die diese Arbeit leisten, und ihnen unsere Anerkennung und Hochachtung aussprechen. Wenigstens einige von ihnen können wir hier heute der Öffentlichkeit vorstellen. Nur eine davon, nämlich Sue, können wir auszeichnen für ihre besondere Arbeit; aber sie erhält den Preis zugleich stellvertretend für all die anderen Ungenannten und Unbekannten.
Das erscheint uns deshalb so wichtig, weil in den letzten Jahren in unserem Land die verächtliche Rede über die so genannten „Gutmenschen“ immer häufiger zu hören war. Diese Rede - oder besser: dieses zynische Gerede - soll diejenigen lächerlich machen, die Arbeit für Andere leisten, ohne auf ihren eigenen Vorteil bedacht zu sein, weder auf Geld und Macht, noch auf Ruhm oder Prominenz, nicht einmal darauf, bekannt zu werden. Wer so abschätzig redet, wehrt auf diese Weise humane Ansprüche ab, denen er selbst folgen sollte und an denen sein eigenes Handeln sonst gemessen werden könnte. Er kann sich dabei - leider - einer breiten Zustimmung sicher sein.
Wir reden dagegen wertschätzend von guten Menschen, die Gutes tun. Wir reden von Susan Jennifer Gilbey und den vielen aus aller Welt, die auch in diesem Jahr wieder gerade für diesen Preis nominiert worden sind. Es sind auffallend viele Frauen darunter. Das ist ganz gewiss kein Zufall. Die Auswahl ist uns nicht leicht gefallen. Viele hätten diesen Preis verdient. Wir haben uns schließlich für Sue entschieden. Sie steht aktiv ein für all das, wofür der Bremer Friedenpreis steht.

Die Stiftung will mit dem Friedenspreis Menschen ehren, die Frieden schaffen und bewahren helfen, indem sie sich für die Verwirklichung der Menschenrechte einsetzen. Oder die nach gewaltfreien Lösungen für Konflikte suchen und sich intensiv den Opfern physischer und psychischer Gewalt zuwenden. Friedensarbeit heißt für uns aber auch: dazu beitragen, dass strukturelle Gewaltverhältnisse in aller Welt abgebaut werden. Mit dem Bremer Friedenspreis werden darum ebenso Menschen geehrt, die sich für soziale Gerechtigkeit und ein gutes Leben überall auf diesem Globus einsetzen. Gerechte Lebensbedingungen für alle gibt es in dieser Welt jedoch nicht ohne einen pfleglichen Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen. Auch Arbeit für die Bewahrung der Schöpfung ist daher Friedensarbeit im Sinne des Bremer Friedenspreises.
Susan Jennifer Gilbey ist in nahezu allen Feldern der Friedensarbeit tätig, die ich soeben benannt habe. Sie ist vom Australian Peace Committee für diesen Preis vorgeschlagen worden, zuallererst weil sie schon seit etlichen Jahren für die Rechte jener Menschen arbeitet, die in Australien um Asyl nachsuchen. Nicht nur Susan Jennifer Gilbey, auch ihr Land, Australien, ist bei uns weitgehend unbekannt. Es gibt touristische Klischeebilder: “Down under” is every time sunny and everybody there feels always happy. In unserer Öffentlichkeit und unseren Medien haben wir dagegen nichts oder nur ganz selten etwas darüber erfahren, wie inhuman, ja brutal Asylsuchende jahrelang von australischen Behörden behandelt worden sind - auch Menschen aus Ländern wie Irak und Afghanistan, in denen australische Truppen Krieg führen. Sie galten und gelten z.T. immer noch als Menschen, die völlig rechtlos sind. Die australische Regierung kann sich dabei auf die Zustimmung einer Mehrheit der australischen Bevölkerung stützen. Wir haben indes ebenso wenig erfahren, dass sich in Australien daraufhin eine Massenbewegung gebildet hat, um diesen Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen. Auch das ist Australien, gewissermaßen seine andere Seite.
Und dazu gehört Sue. Sie hat zuerst ganz im Stillen zu Hause für diese Rechtlosen gearbeitet, danach hat sie als Rechtsbeistand vor Gericht vielen von ihnen zu ihrem Aufenthaltsrecht verholfen. Der erste, bei dem ihr das gelungen ist, war ein Afghane. Sie hat eine Flüchtlingsfamilie aus dem Sudan in ihrem Haus aufgenommen. Sie hat schließlich die Human Rights Coalition mit begründet, die dafür eintritt, dass Australien eine Menschenrechts-Konvention, eine Bill of Rights, erhält. Dahinter steht die Überzeugung, dass das allererste und grundlegende Menschenrecht lautet: „Das Recht, Rechte zu haben“ (Hannah Arendt).
Weil Sue weiß, dass ein derartiger institutioneller Wandel, wie sie ihn zusammen mit ihren Mitstreitern und Mitstreiterinnen anstrebt, nur in beharrlicher, zäher Kleinarbeit zu erreichen ist, arbeitet sie auf lokaler Ebene in Adelaide, Südaustralien, regelmäßig mit an einem wöchentlichen Radioprogramm für Friedens-, Gerechtigkeits- und Umweltthemen. Auf globaler Ebene engagiert sie sich - oft als einzige Vertreterin Australiens - auf internationalen Friedenskonferenzen und in internationalen Frauengruppen. Als Mitglied der Womens International League for Peace and Freedom hat sie sich erst kürzlich erfolgreich für ein Projekt in Peru eingesetzt, um die Lebens-, ja Überlebensbedingungen verelendeter Familien, die auf den Abfallbergen Limas dahinvegetieren, mit Hilfe von australischen Fondsgeldern und Mikrokrediten zu verbessern. Darüber hinaus ist sie in Umweltgruppen in Australien aktiv, u.a. in der Gruppe CLEAN. Die Abkürzung bedeutet: Climate Emergency Action Network.

Und….das ist immer noch nicht alles. Mit Leidenschaft engagiert Sue sich gegenwärtig für die Rechte der australischen Ureinwohner, der Aborigines. Denn Australien hat eine rassistische Kolonialgeschichte und diese Geschichte ist immer noch nicht vergangen. Zwar sind die Aborigines − eine der ältesten Kulturen auf dieser Welt, wenn nicht sogar die älteste, die bis heute überlebt hat − in einem Referendum 1967 als gleichberechtigtes Volk und damit als gleichwertige Menschen verfassungsrechtlich anerkannt worden. Bis dahin wurde ihr Leben nicht nach Menschenrecht geregelt, sondern nach dem Flora and Fauna Act, also nach dem Gesetz für Pflanzen und Tiere. Nur 40 Jahre später im Jahr 2007 ist die australische Regierung mit militärischer Gewalt in die Nördlichen Territorien eingedrungen und hat den dort lebenden Aborigines Rechte, die ihnen inzwischen zugestanden worden waren, wieder entzogen. Was aktuell dort geschieht, wird Sue gleich selbst erzählen, besser als ich das kann.
Ich möchte nur noch auf Eines aufmerksam machen. Mit ihrem Engagement für die Aborigines schließt sich gewissermaßen der Kreis in Sues Friedens- und Menschenrechtsarbeit. Es geht wieder um Rechtlosigkeit und um das „Recht, Rechte zu haben“. Menschen, denen jahrhundertelang verwehrt worden ist und heute erneut verwehrt wird, Rechte zu haben, werden nicht als gleichwertige Menschen anerkannt. Sie können praktisch aus der Menschenwelt ausgeschlossen werden. Aber wir Europäer sollten deshalb nicht überheblich auf die Australier herabblicken. Derartige fundamentale Menschrechtsverletzungen gab es auch in unserem Land. Und es gibt sie noch innerhalb der EU und erst recht an den Außengrenzen der EU. Nur ein Hinweis: Im Mittelmeer und auf dem Atlantik werden Menschen, die in kleinen Fischerbooten zu uns nach Europa kommen wollen, mitten auf hoher See von der Marine abgedrängt und dem Verhungern, Verdursten und Ertrinken preisgegeben. Ihnen wird keinerlei Recht zugestanden, nicht einmal das aufs nackte Überleben.
Dear Sue, ich bewundere, wofür und wo überall du dich engagierst. Wie du alle diese kräftezehrenden und zeitraubenden Aktivitäten bewältigst - mit Familie und trotz schwerer körperlicher Behinderung, das weiß ich nicht. Wir wünschen dir jedenfalls weiterhin all den guten Mut und all die Kräfte, die du dafür brauchst. Und ich danke dir dafür, dass du mit deiner Arbeit auch uns aufmerksam und sensibler machst für Aufgaben der Friedens- und Menschenrechtsarbeit, die es nicht nur weit weg in deinem Land, in Australien gibt, sondern auch in unseren Ländern in Europa. Wir leben in einer Welt mit gleichen oder ähnlichen Problemen. Wir können und müssen darüber miteinander reden, wir können dadurch voneinander lernen und wir können und sollten daran gemeinsam arbeiten. Dazu sollen auch dieser Preis und diese Veranstaltung dienen.
Ich danke Ihnen.


